post-title Wie fluche ich, ohne zu diskriminieren?

Wie fluche ich, ohne zu diskriminieren?

Wie fluche ich, ohne zu diskriminieren?

Eine Frau mit langen Haaren und Brille sitzt vor ihrem Laptop und hält mit beiden Händen einen Bleistift, in den sie hineinbeißt. Sie scheint frustriert, dass etwas nicht funktioniert.

Du hast es eilig und jemand blockiert deinen Weg, deine Lieblingstasse fällt zu Boden und zerbricht in tausend Einzelteile, dein kleiner Zeh bleibt mal wieder an der Bettkante hängen, der nervige Kollege bringt dich wieder auf die Palme – wir alle kennen Situationen, bei denen wir in Worte fassen wollen, wie wütend wir sind. Fluchen ist ein wunderbares Mittel, um Dampf abzulassen und es ist erwiesen, dass dadurch Stress abgebaut wird. (Warum fluchen gesund ist)

Diskriminierungssensibel beleidigen und fluchen

Ein Workshop mit Şeyda Kurt

Fluchen an sich ist also noch nicht problematisch, es kommt, wie so oft, darauf an, wie wir es machen. Bei einem Workshop mit Journalistin, Autorin und Podcasterin Şeyda Kurt in unserer Was NUN?-Reihe, haben wir uns mit dem Thema etwas näher beschäftigt. Können wir fluchen oder sogar andere beleidigen, ohne dabei Dritte zu diskriminieren oder z. B. rassistische Stereotype zu reproduzieren? Ja, haben wir festgestellt, das geht sogar ganz wunderbar.

An der Fassade eines Ladens steht "It's f***ing fantastic" - grob übersetzt: "es ist verdammt fantastisch"

Ab wann ist Sprache diskriminierend?

In jeder Kultur wird geflucht und beleidigt. Was dabei als Schimpfwortvorlage dient, zeigt aber oft, was gesellschaftlich als weniger Wert angesehen wird. „Du wirfst wie ein Mädchen“ ist ein Beispiel, wie Weiblichkeit abgewertet wird oder zumindest das Bild verfestigt, Frauen seien Männern unterlegen. Wie wir diese Begriffe verwenden, festigt auch unsere Meinung über bestimmte Gruppen. Das betrifft häufig Menschen, die ohnehin bereits im Alltag benachteiligt werden (z.B. Menschen mit Behinderung, Frauen, People of Color, queere Menschen und generell marginalisierte Gruppen). Werden diese Menschen auch in der Sprache, die wir verwenden, abgewertet, verstärkt sich die Abwertung auch in anderen Lebensbereichen. Sprache und Alltag bedingen sich also gegenseitig.

Bereits im Alltag können wir darauf achten, dass unsere Sprache andere Menschen oder Gruppen nicht abwertet. Ob bestimmte Begriffe diskriminierend sind, ist manchmal aber auf den ersten Blick gar nicht so genau zu erkennen, haben wir in der Runde festgestellt. Viele problematische Begriffe (und Diskussionen dazu) sind aber bekannt und werden an dieser Stelle nicht im Einzelnen genannt. Gute Fragen, die wir uns selbst immer stellen können, ist: Wertet der Begriff, den ich verwende, einen anderen Menschen, eine Kultur oder ähnliches ab? Weiß ich, was der Begriff bedeutet oder wo er herkommt? Was genau will ich eigentlich gerade sagen? So können wir uns selbst hinterfragen und abwägen, ob wir nicht lieber eine Alternative verwenden. Beispiele dafür findet ihr weiter unten.

Viele Begriffe lernen wir bereits als Kinder und denken daher nicht darüber nach, wie wir sie verwenden. Beobachtet euch im Alltag und nehmt wahr, wo diese Beispiele noch vorkommen.

Es ist der Kopf eines blonden Mannes zu sehen, der einen Teil seiner rechten Hand in den Mund geschoben hat und draufbeißt. Er wirkt wütend.

Sprache verändert sich

Je mehr wir Sprache und wie wir sie verwenden in den Fokus rücken und hinterfragen, desto mehr Begriffe verschwinden aus dem allgemeinen Sprachgebrauch oder haben nicht mehr die gleiche Bedeutung, wie vor 20 oder 30 Jahren. „Du Lauch“ ist z. B. eine Neuschöpfung und bezeichnet eine schmächtige Person. Aber auch hier ist die Assoziation „nicht männlich genug“ zu sein problematisch, da sie ein toxisches Männerbild verstärkt.

Was Sprache ebenso widerspiegelt sind gesellschaftliche Hierarchien. Was von der angeblichen „Norm“ abweicht, wird durch Sprache auch als Abweichung gekennzeichnet und bewertet. Einige Kategorien, in denen sich dies besonders zeigt sind beispielsweise Antisemitismus, Rassismus, Sexismus, Klassismus, Ableismus usw. (Fatshaming, Ageism). Rassistische Fremdbezeichnungen zeigen unter anderem, wer sich in der Gesellschaft das Recht herausnimmt andere zu Benennen. Das N-Wort hält sich schließlich hartnäckig, auch im politischen Kontext. Mittlerweile gibt es aber immer mehr Menschen, die diskriminierende Sprache im öffentlichen Raum herausfordern und dadurch ein Umdenken herbeiführen, was sich im Sprachgebrauch zeigt.

Mit Şeyda Kurt haben wir auch überlegt, wie es mit Beleidigungen aus der Tierwelt aussieht. Auch hier haben wir festgestellt, dass es nicht ganz so einfach ist. Hund, Kuh, Schwein und Ziege scheinen zunächst niemanden zu diskriminieren. Da wir aber bestimmte Eigenschaften und auch körperliche Merkmale mit einzelnen Gruppen verbinden, kann es da schon wieder problematisch werden.

Das Reich der Tiere

Auf einer Wiese ist frontal ein Schwein mit grauen Borsten zu sehen.

Wie können wir Diskriminierung vermeiden?

Einzelne Begriffe, wie Tiere und andere als Schimpfwort genutzte Aussagen, werden erst im Kontext diskriminierend. Es kommt immer auf die Absicht und vor allem auch die Wirkung auf die andere Person an. Fühlt sich jemand aufgrund eines Begriffs, den wir verwendet haben, angegriffen oder macht uns darauf aufmerksam, dass es problematisch ist, sollten wir nicht direkt in den Verteidigungs-Modus gehen. Wir können nicht alle problematischen Bezeichnungen kennen, wir können aber lernen, diese zu vermeiden. Auf den Gebrauch zu bestehen, weil man bestimmte Worte schon immer so verwendet habe, ist da etwas kurz gedacht. Prinzipiell können alle alles sagen, was sie wollen. Das bedeutet aber nicht, dass sie für ihre Sprache nicht kritisiert werden können. Meinungs- und Sprachfreiheit funktioniert schließlich in beide Richtungen.

Wir können uns also selbst im Alltag achtsam beobachten und uns bewusst machen, wie wir unsere Sprache einsetzen. Wenn wir nicht sicher sind, woher ein Begriff stammt, lässt sich dies mittlerweile schnell recherchieren. Es war noch nie so leicht, sich zu informieren und z.B. die Eigenbezeichnungen von marginalisierten Menschen herauszufinden, um Fettnäpfchen und Diskriminierungen zu auszuschließen.

Kreative Schimpfwörter (Achtung es folgt eine Aufzählung)

Was könnten also Alternativen sein. Als Teil des Workshops hat Şeyda Kurt mit den Teilnehmenden Beispiele gesammelt. Hier sind einige Klassiker und Highlights:

  • Arschloch
  • Vollpfosten
  • Arschtasche
  • Schimmliges Brot
  • Otterngezücht (aus der Bibel)
  • Du Gurke
  • Kohlkopf
  • Schimmelkopf
  • Du Rasenmäher
  • Verdammte Axt
  • Unkrauthacke
  • Nervensäge
  • Du bist so durch wie die natürlichen Ressourcen unseres Planeten
  • Du bist so spannend wie ein Parkhaus
  • Stück Scheiße

Eurer Kreativität sind hier keine Grenzen gesetzt und es können mehrere Begriffe wild kombiniert werden oder durch Adjektive verstärkt werden (Verdammter, scheiß Kohlkopf). Lasst euch auch gerne aus anderen Sprachen inspirieren. Verwünschungen und Flüche können dadurch noch ausgefallener werden. Ihr seht, fluchen und beleidigen geht auch ohne andere Menschen zu diskriminieren. Eine komplett diskriminierungsfreie Sprache werden wir dadurch zwar noch nicht erreichen, aber es ist ein Anfang.

Wenn ihr weitere Ideen für diskriminierungsfreie Schimpfwörter habt, schreibt sie gerne in unsere Kommentare.

Weitere Links

https://seydakurt.de/

https://www.jetzt.de/politik/beleidigen-fluchen-politisch-korrekt

https://www.deutschlandfunknova.de/beitrag/beleidigung-ohne-diskriminierung-beschimpfen

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