post-title Taub und trotzdem hören? Ja, das geht! – Adelaida Luschnat berichtet von ihren Erfahrungen

Taub und trotzdem hören? Ja, das geht! – Adelaida Luschnat berichtet von ihren Erfahrungen

Taub und trotzdem hören? Ja, das geht! – Adelaida Luschnat berichtet von ihren Erfahrungen

Das Bild zeigt Adelaida an ihrem Arbeitsplatz bei der Evonik in Hanau.

Das Arbeitsjahr 2016 bei der Evonik im Industriepark Hanau begann für mich mit ungewohnten Erfahrungen. Zu Beginn des Jahres ging ich nach einem stressigen Arbeitstag am 4. Januar früh ins Bett. Zuvor ist mir auf einmal schwindelig geworden. Ein bisschen Erholung nach so einem Jahresstart kann nur gut tun, dachte ich.

Am nächsten Morgen hatte ich verschlafen. Den Wecker hatte ich nicht gehört. Ich merkte schnell, dass etwas nicht stimmte – ich hörte auf dem rechten Ohr nichts mehr.

Das Bild zeigt Adelaida, die ein Plakat mit drei Botschaften zum Cochlea Implantat hält: 1. Es bringt sie dem 'Normal-Hörenden' wieder etwas näher, 2. zeigt ihr was schon nach 8 Monaten wieder möglich ist und 3. sie möchte ihr CI nie wieder her geben.

Adelaida mit ihrer Stellungnahme zum CI

Beim Arzt für Hals-, Nasen- und Ohrenerkrankung (HNO) wurde schnell eine Diagnose gestellt: Hörsturz. Nicht, dass das schon genug gewesen wäre. Die nächste schlechte Nachricht folgte sofort: ein Hörsturz gehört nicht zu den sogenannten individuellen Gesundheitsleistungen, die von den Krankenkassen übernommen werden. Kosten für Medikamente, ärztliche Honorare müssen daher selbst bezahlt werden. Von der Krankenkasse gibt es keine Erstattung, da die Ursachen, die zu einem Hörsturz führen, bis heute nicht genau bekannt sind.

Mir war, als ob mir jemand mit dem Hammer auf den Kopf gehauen hätte.

Es folgten drei Monate, in denen die Ärzte unterschiedliche Behandlungsmethoden angewandt haben. Doch nichts half. Es war mir fortwährend schwindelig, da das Gleichgewichtsgefühl durch den Hörsturz gestört wurde. Damit war es mir auch nicht möglich öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen und ich habe in dieser Zeit 200 Euro pro Woche an Taxikosten gehabt. Zusätzlich zu den Kosten für Spritzen, Medikamente und Honorare.

Doch die Untersuchungen fanden dann zumindest ein gutes Ende. Man teilte mir mit, dass ich ein Kandidat für ein sogenanntes „Cochlea-Implantat“ (kurz: CI) sei.

Gehörlose, deren Hörnerv noch intakt ist, haben heute gute Chancen, trotzdem zu hören. Sogenannte „Cochlea-Implantate“ machen es möglich. Das Cochlea-Implantat besteht aus einem externen Teil, dem Sprachprozessor mit einem Mikrofon und einem zweiten, in der Hörschnecke implantierten Teil. Der externe Teil überträgt digitale Informationen an die implantierte Spule. Schallwellen werden im Innenohr in bioelektrische Impulse umgewandelt. Nervenenden im Innenohr nehmen diese Impulse auf und leiten sie ans Gehirn weiter. Die Cochlea wandelt also Schall in Nervenimpulse um.

Wie funktioniert ein Cochlea Implantat?

Nach gründlicher Untersuchung in der UNI-Klinik stand fest, dass der Hörnerv intakt war und eine CI-Operation zum Einpflanzen eines Apparates in die Hörschnecke möglich ist. Vorher musste ich allerdings drei Monate Hörgeräte testen. Damit wollte man feststellen, wie viel ich auf dem rechten Ohr noch höre: leider nur zehn Prozent.

Damit konnte ich – an Taubheit grenzend – nichts verstehen. Damit stand dann auch fest, dass die Krankenkasse der Operation zustimmen würde. Ein „Bescheid im Eilverfahren“ genehmigte schon vor dem eigentlichen Eingriff eine beantragte Reha. Diese musste ich innerhalb von zwei Wochen antreten und hatte die Möglichkeit mich unter anderem in einem „CI-Café“ mit Menschen auszutauschen, die schon ein CI tragen. Auch wurden Übungen fürs Gleichgewicht durchgeführt. Durch die wertvolle Unterstützung von Therapeuten, Logopäden und Ingenieuren wurde ich wieder fit gemacht.

Die Zeit habe ich ebenfalls genutzt, um mich über die Vor- und Nachteile von CI Geräten der drei großen Hersteller zu informieren. So fiel, gut informiert und vorbereitet, meine Entscheidung mich implantieren zu lassen. Ich „musste“ nun nur noch meine Familie überzeugen.

Am 11. August 2016 bin ich implantiert worden. Am 29. August 2016 begann dann nach Erholung von der OP das neue Leben mit dem Sprachprozessor. Die ersten CI-Einstellungen und Hör- sowie Sprachübungen erfolgten dann in der Reha-Klinik in St. Wendel. Ich bewundere bis heute die hohe Kompetenz aller Mitwirkenden.

Für Übungen zu Hause erhielt ich CDs. Im Herbst 2016 folgte dann die CI-Reha. Toll, wie die Übungen von Woche zu Woche aufgebaut waren! Auch während dieser Zeit konnten wir täglich mit dem Programm „Audiolog IV“ üben. Auch Einblicke in die Gebärdensprache haben wir erlangt.

Nach fast einem Jahr Krankmeldung begann für mich am 2. Januar 2017 die stufenweise Wiedereingliederung. Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Prozess fast zwei Monate andauern würde. Während der ersten Woche dachte ich noch ‚Das schaffe ich nie‘. Doch langsam wurde es besser. Nun arbeite ich wieder Vollzeit.

Das schaffe ich aber nur, weil ich zwei Tage von zu Hause arbeiten kann. Sobald der Stress zu groß wird, meldet sich der Tinnitus bei mir (ständiges Rauschen). Die Hyperakusis (Überempfindlichkeit gegenüber Schall) des linken, gesunden Ohres ist da und mein Gehirn erträgt es daher nicht, wenn mehr als eine Person gleichzeitig redet. Alle Mitwirkenden haben Geduld mit mir!

Ich trainiere auch heute noch viel – mit Audiotransmitter, MiniMic2+ und Telefonclip. Ich erhalte psychologische Unterstützung und bekomme Sprach- und Hörtraining. Das Gleichgewicht wird von Tag zu Tag besser. An Tagen mit Hochdruck-Wetter geht es mir aber immer schlechter, als an Tagen mit Tiefdruck-Wetter. Es wird nie mehr wie früher werden, aber meinen CI-Sprachprozessor gebe ich nicht mehr her!

 

Heute möchte Adelaida Bürgerinnen und Bürger für die besondere Situation der Hörgeschädigten sensibilisieren. „Wir können durch das Implantat wieder gut am Arbeitsleben teilnehmen“, sagt sie. „Aber wir freuen uns sehr, wenn wir im Alltag ‚abgeholt‘ werden – zum Beispiel wenn in Gesprächen immer nur eine Person gleichzeitig spricht“, sagt Adelaida. Denn auch wenn man ihnen das Handicap nicht immer direkt ansieht, wie bei Geh- oder Sehbehinderten, ist für CI-Träger ein Tag wesentlich anstrengender als für einen Normalhörenden.

Adelaida engagiert sich bei zwei Selbsthilfegruppen (Frankfurt und Landkreis Offenbach) für eine breite Sensibilisierung. Für alle Betroffenen empfiehlt sie die Seite des Cochlear Implant Verbands Hessen-Rhein-Main e.V (http://www.civhrm.de/). Für allgemeine Informationen empfiehlt sie ebenfalls die Webseite und Broschüre des Vereins Deutsche Cochlea Implantat Gesellschaft e.V.

Eine solche Einschränkung kann uns alle betreffen! Das Cochlea-Implantat kann einigen wieder zum Hören verhelfen – doch auch Freunde, Bekannte, Kolleginnen und Kollegen müssen sensibilisiert werden. Meldet euch bei uns, wenn ihr betroffen seid und Unterstützung benötigt. Wir danken Adelaida für Ihre Mutmacher-Geschichte!

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