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Schule der Zukunft

Schule der Zukunft

Wir sehen eine Schülerin, die mit einem Tablet am Unterricht teilnimmt. Sie sitzt an einem Holztisch, trägt eine Brille und ein rosafarbenes T-Shirt.

Zusammenfassung des Diskussions-RAUMs vom 01.04.2021

Von Dr. Karl-Heinz Leister

Bildung ist das wesentliche Merkmal einer funktionierenden Gesellschaft. Durch gute Bildung gelingt es uns, Probleme Schritt für Schritt zu bewältigen. Wie muss also die Schule der Zukunft aussehen?

Insbesondere in Pandemie-Zeiten kommt die Frage wieder auf, ob Deutschland Lücken in seinem Bildungssystem aufweist. Dies macht sich vor allem in Lockdown-Zeiten bemerkbar. Trotzdem wird kaum ein anderes Thema in der Politik so sehr vernachlässigt wie das Thema Bildung und Schule. Außer Kompensationskursen, die in der Regel in den Sommerferien stattfinden sollen, um eventuelle Lücken nach 1 Jahr Corona doch irgendwie auszugleichen, wird nichts angeboten.

Dabei ist eine gute Bildung ein Bürger:innen- und Menschenrecht. Regierungen sind dazu verpflichtet, Bildung ohne Schranken und Unterschiede für alle zur Verfügung zu stellen. Aber ist das die Realität mit und ohne Corona-Bedingungen?

Als Grundlage unserer Diskussion haben wir den Artikel von Prof. Dr. Isabell M. Welpe und Esther Ostmeier mit dem Titel „Schule 5.0 – Die Zukunft von Schule erfinden“ näher unter die Lupe genommen. Darin werden fünf Thesen vorgestellt, was eine zukunftsfähige Schule definiert. Wir haben uns die Thesen in der Runde angeschaut.

These 1: Individueller Unterricht

Im Jahr 2017 wurde das 300ste Jubiläum der allgemeinen Schulpflicht in Preußen gefeiert. Doch eine gängige Methode des heutigen Unterrichts, der Frontalunterricht, erinnert doch sehr an die alten Zeiten.

Wir sehen zwei Bilder nebeneinander. Eines zeigt ein Klassenzimmer in Schwarz-Weiß. Die Aufnahme ist ungefähr von 1960. Das zweite Bild zeigt eine Farbaufnahme einer Schulklasse heute. Die Tische sind anders angeordnet, aber der Frontalunterricht ist der gleiche.
Vergleich von Schulklassen ca. 1960 und heute

Frontalunterricht ist immer noch die gängige Methode. Bei der durchschnittlichen hohen Schülerzahl pro Klasse (Klassengröße Grundschule z. B. 25 +/- 3), erscheinen Alternativen schwierig in der Umsetzung. Unterricht, der die individuellen Stärken und Schwächen eines Kindes/Jugendlichen berücksichtigt, ist eher selten. Dabei geht es nicht darum, schnell lernende Schüler von langsameren zu trennen, sondern um individuelle Begleitung der Lernentwicklung. Leistungskontrollen sind nach den Erfahrungen der Teilnehmenden leider immer noch wichtiger als Lernprozessbegleitung.

Das Lernen in Gruppen und das Lernen voneinander ist sehr effektiv und könnte stärke in Unterrichts-Strukturen integriert werden. Es kann zurzeit im Präsenzunterricht durch die corona-bedingten Hygienemaßnahmen (Abstand, Maske) allerdings nur sehr eingeschränkt stattfinden.

In Zeiten von Distanzunterricht können digitale Medien und Methoden eingesetzt werden. Sie wären auch geeignet, um eine Zusammenarbeit zu gestalten. Doch dafür müssten die Voraussetzungen für digitales Lernen (passende Hardware, Kenntnisse des Umgangs mit digitalen Medien) vorhanden sein, was zurzeit eher die Ausnahme in Deutschland ist.

Im digitalisierten Unterricht geht es u.a. darum, verschiedene und neue Methoden anzubieten, um zu erfahren, WIE man lernen kann. Auch im Distanzunterricht können Kinder individuell in ihrer Lernentwicklung unterstützt werden, sie können Lernfortschritte erleben und somit Freude am Lernen haben. Auch Zusammenarbeit und Kooperation sind machbar und in anderen Ländern bereits etabliert.

Wie sehr Kindern der Unterricht fehlt, hören wir immer wieder in diesen Zeiten der geschlossenen Schulen. Dabei wäre doch technisch schon weitaus mehr möglich, wenn der Staat (Kultusministerien, Schulträger, Lehrerausbildung), Wirtschaft (Technik, Infrastruktur), Forschung (moderne Lehrmittel, LernApps), Lehrer:innen (Fortbildung, digitale Fertigkeiten) und Schüler:innen (Übertragung von Freizeittätigkeiten auf Lernaktivitäten) besser zusammenarbeiten würden.

Viele Schüler:innen in den höheren Klassen stöhnen über enormen Hausaufgaben- und Prüfungsdruck. Häufig wird berichtet, dass die Vermittlung von Lehrstoff sehr mangelhaft ist (bisherige alte Arbeitsblätter werden eingescannt, Erklärvideos fehlen, fehlende digitale Kompetenzen bei Lehrkräften), von digitaler Lernbegleitung kann keine Rede sein. Statt andere Medien zum Lernen anzubieten, werden große Pensen an Hausarbeiten abverlangt und Klassenarbeiten mindestens genauso häufig geschrieben wie zu normalen Zeiten.

Ein stärkerer Fokus auf individuelles Lernen wurde in der Runde als sehr positiv bewertet. Bei einer Umsetzung in das bestehende System waren wir jedoch alle sehr skeptisch.

These 2: Neue Lehrpläne für aktuelles und zukünftig relevantes Wissen und Kompetenzen

In Hessen gibt es seit Jahren den sogenannten „Bildungs- und Erziehungsplan“. Zusätzlich wurden für alle Fächer von Klasse 1 bis 13 Grundlagen für kompentenzorientierten Unterricht entwickelt und in den Koalitionsvereinbarungen als verpflichtend aufgenommen. Ziel ist, weg vom Lehren, hin zum Lernen zu kommen. Leider sind die alten Lehrpläne mit dem Schwerpunkt, Schule als vorwiegend Wissensvermittler zu sehen, in vielen Köpfen vorhanden. Wichtig wäre es, die sog. 4K-Skills ­– Kreativität, kritisches Denken, Kommunikation und Kollaboration – zu fördern, um zukunftsfähige Arbeitsweisen zu vermitteln.

Diese lassen sich jedoch unter „normalen“ Bedingungen: (zu) große Klassen, Überforderung im Umgang mit heterogenen Schüler:innen, unterschiedliche Bildungsnähe/-ferne der Elternhäuser, veraltete didaktische Fertigkeiten des Lehrpersonals, ohnehin nur schwer realisieren.

Vorgaben und Pläne reichen nicht aus, damit die richtigen Kompetenzen und Lehrinhalte in den einzelnen Klassenzimmern ankommen. Lehrkräfte und Schulen müssen regelmäßig Weiterbildungsmöglichkeiten erhalten und entsprechende Ressourcen haben, um dies auch niedrigschwellig umsetzen zu können.

These 3: Flexibilität in Räumen, Zeiten und Strukturen

Die Lernentwicklung eines Kindes wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Schüler:innen müssen die Möglichkeiten erhalten auszuprobieren, was bei ihnen besser funktioniert und welcher Lerntyp sie sind. Dazu ist es erforderlich, die typischen Klassen(-räume) zu erweitern, um Einzel- und Gruppenarbeit unaufgeregt zu organisieren, mit Lernecken, mit vorbereiteten Lernfeldern (inklusive Nachschlagewerke aller Art), und ansprechbare, begleitende Tutor:innen. Es muss innerhalb des Klassenraums Plätze geben für das persönliche Gespräch zwischen Lernenden und Lehrkraft, um die Lernfortschritte zu klären und sichtbar werden zu lassen.

Bereits jetzt gibt es Grundschulen, an denen Schüler:innen in sogenannten Werkstätten lernen können, wie sie selbstbestimmt ihre Aufgaben erledigen. Zusätzlich wird dabei ein hohes Maß an sozialer Kompetenz geübt und erworben, denn es ist klar, dass man in solchen Lernzusammenhängen respekt- und rücksichtsvoll miteinander umgeht. Auf individuelle Lernzeiten kann auch Rücksicht genommen werden.

Wenn diese klassischen Strukturen aufgebrochen werden, können Schüler:innen in ihrem persönlichen Rhythmus lernen. Auch die Schulzeiten könnten in diesem Zusammenhang neu gedacht werden.

These 4: Lehrkompetenzen verändern

Wie kann es sein, dass Schüler:innen im Homeschooling der Lehrstoff in Form von fotografierten, mehrfach hektografierten, alten Arbeitsblättern per WhatsApp angeboten wird? Rückmeldungen durch die Lehrkraft zu erbrachten Leistungen gibt es zu wenig. Das geht deutlich an der Lebenssituation der Lernenden vorbei, berichten Betroffene. Hier zeigt sich aktuell die große Lücke an digitaler Bildung, die in den letzten Jahrzehnten in Deutschland vernachlässigt wurde.

In anderen Ländern, z. B. USA müssen digitale Methoden regelhaft im Unterricht eingesetzt werden. Stabile technische Installationen (schnelles, stabiles Internet und WLAN) sind Grundvoraussetzungen, die Verwaltung und Technik liefern müssen. Wir müssten also die richtigen Anreize und finanziellen Mittel so zur Verfügung stellen, dass es bei den einzelnen Schulen auch wirklich ankommt.

Wir sehen eine Illustration. Ein Schüler in rotem T-Shirt sitzt vor einem Computer-Bildschirm und sieht mehrere Kacheln mit Mitschüler:innen und in der Mitte die Lehrerin, die den Unterricht abhält.

Unsere Gesellschaft ist vielfältig. In Anbetracht der Schülerschaft sind interkulturelle Kompetenzen bei Lehrkräften unbedingt notwendig. Diese werden bisher nicht für wichtig erachtet (und von Entscheider:innen nicht gefördert).

In der Diskussions-Runde kam uns verschiedene Fragen: Welche Werkzeuge haben Lehrende, um die Entwicklung eines individuellen Lernstandes bei einem Kind festzustellen und zu planen? Wie steht es allgemein um die digitalen Kompetenzen bei Lehrkräften? Fortbildungen dazu? Wieso sind Lehrkräfte dazu verpflichtet, ihre privaten Laptops für digitale Unterrichtsformate einzusetzen und sich alles mühsam selbst anzueignen?

Die These vertritt auch die Auffassung, dass sich Lehrer:innen von reinen Wissensvermittler:innen mehr zu Unterstütz:erinnen entwickeln müssen. Gerade die Vermittlung von sozialen Kompetenzen und kritischem Denken sind in einer Gesellschaft der Zukunft wichtiger denn je.

These 5: Neue Grundsätze nach Welpe und Ostmeier

Anders als die althergebrachten Forderungen, lesen, schreiben und rechnen zu können, wenn jemand die Schule verlässt, erfordern die neuen Zeiten neue Grundsätze und Anforderungen an die Schule:

  1. zukunftsrelevante Inhalte und Kompetenzen erfolgreich lernen (mehr Prüfungsversuche / keine Prüfungen).
  2. Es gibt individualisierte, statt pauschale Lehrpläne und -zeiten.
  3. Es gibt viel persönliche Wertschätzung.
  4. Es wird mit stereotyp-freien Lehrmaterialen gearbeitet, damit alle Schüler:innen mit einem starken Selbstwertgefühl aus der Schulzeit gehen.
  5. Teamarbeit und Einzelarbeit werden gleichermaßen gefördert.
  6. Eigenständiges Lernen, Denken und Schlussfolgern (weniger Auswendiglernen).
  7. Mehr anwendungsorientierte Projektarbeit, damit zukunftsrelevante Fähigkeiten wie die 4K-Skills ausgebildet werden können.
  8. Neugierde, spielerischen Ehrgeiz, eine positive Einstellung zu geistiger und körperlicher Anstrengung und Selbstbewusstsein wecken (Motivation zu lebenslangem Lernen und einer gesunden Lebensweise).

Voraussetzung für diesen Wandel in den Bildungsansprüchen ist natürlich eine ausreichende Finanzierung und weniger bürokratische Hürden. Wir waren uns einig, dass deutlich mehr Geld für die Bildung ausgegeben werden muss. Es gilt, nicht nur die entstandenen corona-bedingten Lücken zu schließen, sondern die grundsätzlich notwendigen Veränderungen im Bildungssystem herbeizuführen.

Exkurs: Schule in Finnland

Ein Highlight unserer Diskussion war der Bericht von Susanne Lehikoinen-Weiß über das finnische Schulsystem, das weltweit als vorbildlich gilt. Sie hat 20 Jahre in Finnland gelebt und zeitweise als Lehrerin gearbeitet.

In Finnland sind die Schulen keine Bildungsinstitutionen. Schulen haben den Grundauftrag, wirksam zu sein in der Grundversorgung der Kinder und ihrer Bedürfnisse. Erziehung + Bildung sind Menschenrechte. Und das System zahlt sich aus. Bei PISA-Studien steht Finnland jahrelang auf Platz 1.

Was macht Finnland also anders?

Der familiäre Hintergrund der Schüler:innen spielt keine Rolle. Es ist verboten, finanzielle Leistungen von Eltern zu verlangen (Materialien, Literatur) – alles ist kostenfrei.

Es gibt grundsätzlich weniger Hausaufgaben. Eine Nachhilfeindustrie, wie man sie hier in Deutschland kennt, ist in Finnland völlig unbekannt. Der Umfang des Lehrplans ist reduziert und es steht mehr Zeit zum Lernerwerb zur Verfügung. Es gibt ein Anti-Mobbing-Konzept, das das Ausschließen einzelner Kinder oder Gruppen verhindert. Ansage an die Pädagog:innen (die aus Deutschland kamen): Kein Kind wird angeschrien.

Zum Studium für den Lehrerberuf werden nur die besten Student:innen zugelassen.

Die Rolle der Lehrenden ist die der Unterstützer:in und Lernbegleiter:in.

Ein Schulversagen wird nicht den Lernenden angelastet, sondern den Lehrenden zugeordnet. Sitzenbleiben ist ein äußerst seltenes Phänomen in Finnland. In jeder Klasse stehen ganz selbstverständlich mehrere sozialpädagogische und psychologische Mitarbeiter:innen den Klassenlehrer:innen für die Schülerunterstützung zu Seite. Sehr großen Wert wird auf kollegiale Zusammenarbeit gelegt, weniger auf Kontrolle.

Die Kinder besuchen zusammen die Klassen 1-9. Erst danach fallen die Entscheidungen für die weiteren schulischen Bildungswege.

Die Schulen sind materiell und finanziell gut ausgestattet.

Lesen steht in Finnland ganz hoch im Rang; entsprechend gibt es gut ausgestattete und schöne Bibliotheken und auf dem Land Bibliotheksbusse.

 

Eine Teilnehmerin hat die Diskussion in einer Zeichnung festgehalten. Wir sehen ein Aquarell mit verschiedenen Worten. Oben sind Gebäude zu erkennen, darunter steht das Wort Schule. Neben einem Weg, aus dem Pfeile hervorgehen, stehen Gewalt-Schutz-Konzept. Unter dem Weg sind vier Schüler:innen zu sehen. Neben ihnen rechts steht: Haltung, Unterstützer:innen, Befriedigung der Bedürfnisse der Schüler:innen. Überkreuz stehen in der rechten Bildhälfte die Worte: Wie begreift jemand.
Zeichnung zu unserer Diskussion von Sylvie Janka

Vorbereitung/Moderation: Cettina Colantoni;

Co-Referentin: Susanne Lehikoinen-Weiß

Links zum Weiterlesen:

https://isabellwelpe.medium.com/schule-5-0-die-zukunft-von-schule-erfinden-731e4b99d982

https://kurier.at/wissen/bildungsexperte-pasi-sahlberg-darum-sind-finnische-schulen-top/400343833

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