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Leben mit Parkinson: Interview mit Siegfried Jorda

Leben mit Parkinson: Interview mit Siegfried Jorda

Das Bild zeigt Siegfried Jorda, der an Parkinson erkrankt ist, und seine Frau Rita.

Wie lebt man mit einer Parkinson-Erkrankung? Und wie geht man mit der Diagnose Parkinson um, wenn man doch eigentlich “Mitten im Leben” steht?

Siegfried Jorda ist 71 Jahre und hat die Diagnose “Parkinson” bereits vor 22 Jahren erhalten. Für “Menschen in Hanau” durfte ich mit Herrn Jorda und seiner Frau Rita näher ins Gespräch kommen. Ich durfte ein lebenslustiges und starkes Ehepaar kennenlernen und habe einen tiefen Einblick in den Alltag sowie die Sorgen und Ängste der Jordas bekommen. Und ich durfte viel lernen, vor allem, dass man eine Menge Humor benötigt, um mit den Folgen der Krankheit umzugehen. Aber lest selbst!

Ein starkes Team: Siegfried Jorda meistert mit seiner Frau Rita sein Leben mit Parkinson

Wir haben am Anfang immer eine relativ offene Frage und würden zu Beginn einfach gerne ein bisschen etwas über Ihre Person wissen. Was möchten Sie uns über sich erzählen?

Siegfried Jorda: Ich bin mittlerweile 71 Jahre alt und habe eigentlich mein ganzes Leben in Steinheim verbracht. Meine Frau und ich hatten dort ein wunderschönes Haus. Das haben wir allerdings meinem Sohn übergeben, weil wir selbst nicht mehr in der Lage waren, alles instand zu halten, also den Garten zu machen, Schnee zu schippen und so weiter. Das ging so mit mir nicht mehr. Meiner Frau alleine konnte ich das auch nicht zumuten. Wir haben das Haus also übergeben und sind nun schweren Herzens nach Hanau gezogen.

Rita Jorda: Schwer für einen Steinheimer [lacht].

Siegfried Jorda: Ja, ein Steinheimer in Hanau, das ist schon etwas Besonderes! [lacht] Das wird auch kein Hanauer! Man hatte schließlich in Steinheim sein ganzes soziales Netzwerk. Die Verbindungen, die man überall hin hat. Diese sind durch den Umzug leider teilweise auch kaputtgegangen. Sei es drum, wann sind wir hier her gezogen, vor drei Jahren?

Rita Jorda: Ja, 2017, im Februar.

Siegfried Jorda: Wir konnten dann diese Wohnung hier günstig erwerben, das war noch bevor die Immobilienpreise in die Höhe geschossen sind. Wir sind in Hanau in die Kernstadt gezogen mit der Absicht, dass viele Dinge, die ich benötige, also Arzt, Krankenhaus, Spezialisten und der ganze Service mit Therapeuten (Ergotherapie und Physiotherapie) in der Nähe sind. Wir können hier alles fußläufig erreichen. Das war anders, als wir noch in Steinheim gewohnt haben. Da mussten wir immer nach Hanau fahren. Das wollten wir mit dem Umzug dann auch ändern. Und nach Hanau zu ziehen war naheliegend, da die Infrastruktur hier sehr gut ist.

Möchten Sie uns noch etwas aus Ihrem Leben erzählen?

Siegfried Jorda: Ja, gerne. Ich bin 1950 in Hanau geboren, bin in Steinheim zur Grund- und Realschule gegangen. Nach der Realschule habe ich eine Abendschule besucht. Dann war ich 3 Jahre zum Ingenieurstudium in Darmstadt, bin danach aber wieder nach Steinheim zurückgekehrt. In der Zeit bis heute war ich insgesamt 3 Mal verheiratet und muss sagen, dass ich mit meiner jetzigen Frau einen Sechser im Lotto gewonnen habe! Mit Zusatzzahl! [lacht]

Rita Jorda: [lacht]

Siegfried Jorda: Sie ist die Frau, die mich pflegt und viel für mich leisten muss. Es gibt bei Parkinson ja viele Begleiterscheinungen, z. B. das sogenannte Freez… [stockt]

Rita Jorda: Freezing heißt das.

Siegfried Jorda: Wenn die Beine von alleine weitergehen, ohne dass sie das vom Gehirn aus steuern können. Und wenn sie dann nichts haben, woran sie sich festhalten können, dann fallen sie hin.

Rita Jorda: Nein, die Beine gehen nicht weiter, sondern die frieren wie am Boden fest und bewegen sich nicht mehr vorwärts. Also es kommt kein Impuls mehr vom Hirn, dass die Beine sich bewegen sollen. Es gibt dann eine sogenannte Gangblockade und dann fällt man, ohne es irgendwie verhindern zu können, nach vorne oder hinten um. Bei meinem Mann eher nach vorne.

Siegfried Jorda: Die Diagnose Parkinson habe ich 1999 bekommen. Es ist also jetzt 22 Jahre her. Ich war also noch relativ jung. Und 22 Jahre Parkinson … das merkt man.

Darf ich fragen, wie Sie von Ihrer Erkrankung erfahren haben?

Siegfried Jorda: Ja. Also ich habe selbst bei mir Veränderungen festgestellt. Wenn ich meiner Sekretärin Zettel geschrieben habe, hat sie öfter zu mir gesagt, sie könne diese nicht mehr lesen. Es wäre so klein geschrieben. Und beim Halten von Vorträgen vor größerem Publikum – ich habe beruflich häufig Vorträge gehalten – habe ich dann gemerkt, dass immer häufiger Rückfragen aufkamen, weil die Leute mich nicht mehr verstanden haben. Dabei war die Sprache in meinen Augen noch relativ gut gewesen. Zumindest im Vergleich zu heute. Aber die Leute konnten mich nicht mehr so gut verstehen. Und natürlich das Zittern der Hand. Ich habe im Internet nach den Symptomen gesucht und mir dann schon gedacht, dass die Diagnose eigentlich nur Parkinson sein kann. Ich bin dann zum Arzt, hier in Hanau in die Klinik, und der hat das dann auch bestätigt. Ja … Ich war noch arbeiten bis 2004, dann musste ich aufhören. Bis dahin war ich Verkaufsdirektor von Bosch, hatte also einen ordentlichen Job und habe auch gut verdient. Dann kam der große finanzielle Abstieg. Denn ich musste in Rente gehen. Es gibt da eine Arbeitsunfähigkeitsrente, aber die war natürlich nur ein Viertel von dem, was ich zuvor verdient habe. Es war schon schwierig, sich zunächst an weniger Geld zu gewöhnen. Heute bin ich jetzt mit meiner Frau hier seit drei Jahren und wir sehen beide, dass die Entscheidung richtig war das Haus dem Sohn mit seinen Kindern zu überlassen und sich in Hanau anzusiedeln. Seit 2016, als diese große Flüchtlingsaktion war, sind meine Frau und ich … also … [stockt]

Siegfried und Rita Jorda genießen das Leben trotz ParkinsonRita Jorda: Soll ich einen Moment erzählen? Damit sich deine Stimme einmal erholen kann?

Siegfried Jorda: Ja.

Rita Jorda: Also, mein Mann hat sich natürlich, nachdem er dann zu Hause war, eine Aufgabe gesucht. Er war schon immer sehr engagiert, hat sich im Ortsbeirat engagiert und hat versucht, die Dinge voranzutreiben. Und er ist in einer Partei, der SPD. Er war lange Jahre Vorstand der Interessensgemeinschaft Steinheimer Altstadtbewohner und hat sich auch dort engagiert. Schon bevor er krank geworden ist. Und dann ging 2015 diese Flüchtlingsgeschichte los. Da hat sich in Steinheim eine Gruppe gebildet, die sich darum kümmern wollte und da ist er dann sofort mit eingestiegen und hat sich massiv engagiert für die jungen Leute, die dort in Steinheim wohnten und Hilfe brauchten, um mit dem ganzen Amtsdeutsch klarzukommen. Das hat er, so lange er es konnte, sehr stark betrieben und hat da auch eine unglaublich positive Rückmeldung bekommen.

Siegfried Jorda: Ja, auch durch den Integrationspreis der Stadt Hanau, den ich bekommen habe.

Rita Jorda: Ja! Und durch das Engagement gab es dann auch wieder viele neue Kontakte, auch sehr positive Kontakte, die wir da bekommen haben. Ich bin zu dem Zeitpunkt noch arbeiten gewesen, also ich konnte mich da nicht so beteiligen und war eher im Hintergrund.

Siegfried Jorda: Ich habe wirklich viel Zeit in das Engagement investiert. So viel, dass auch heute noch drei junge Männer aus Eritrea mit uns im engen Kontakt stehen und mehr oder weniger mittlerweile zur Familie gehören.

Rita Jorda: Ja, einer der Männer hat auch einen Schlüssel für unsere Wohnung. Wir sehen uns alle regelmäßig. Inzwischen arbeiten alle drei, einer hat eine Ausbildung abgeschlossen und ist voll ins Berufsleben integriert, der andere hat jetzt auch nach Corona wieder einen Job gefunden. Er ist behindert und hat ein steifes Bein. Und dann haben wir einen jungen Mann auch durch die Hauptschule gebracht. Er geht inzwischen auch arbeiten. Das ist irgendwo ein Stück ein Erfolgserlebnis, wenn man selbst nicht mehr so viel machen kann. Das man da zumindest ein Stück weit helfen konnte und sogar eine erweiterte Familie gefunden hat. Wir haben zwei Söhne, wir haben beide Kinder in die Ehe mitgebracht. Mein Sohn lebt in Berlin, der meines Mannes in Steinheim in unserem früheren Haus. Ja, also man sieht, mein Mann hat immer versucht, sich einzubringen. Ich bin verstärkt in die Flüchtlingshilfe eingestiegen nachdem ich dann in Rente gegangen bin. Alles, was Ämter etc. anbelangt, mache ich heute in der Hauptsache, weil es meinem Mann schwerfällt sich am Telefon auszudrücken und verstanden zu werden. Das ist auch ein Handicap von Parkinson, dass die Sprache immer schlechter und verwaschener wird und die Leute einen nicht mehr so gut verstehen. Es kommt ja auch nicht überall sofort das Verständnis.

Siegfried Jorda: Die Eritreer betrachten uns wirklich als Familie. Es ist Wahnsinn, was man da an Dankbarkeit zurückbekommt!

Rita Jorda: Ja. Aber das, was wir gegeben haben, ist für die Jungs auch unglaublich viel wert! [lacht] Aber ja, die haben halt auch noch einen ganz anderen Familiensinn. Menschen in Hanau: Das ist bestimmt auch Motivation für Sie gewesen, sich zu engagieren, oder? Denn es ist ja auch nicht selbstverständlich, dass Sie sich trotz Ihrer Erkrankung noch so stark engagiert haben.

Siegfried Jorda: Ja, und ich bin so froh, dass meine Frau das weitermachen kann und will! Und sie macht das echt gut.

Rita Jorda: Gelernt ist gelernt! [lacht]

Sie haben uns ja nun schon einen sehr guten Einblick in Ihr Leben gegeben und auch bereits Herausforderungen in Ihrem Alltag angesprochen. Gibt es weitere Hürden in Ihrem täglichen Leben, über die Sie uns gerne etwas erzählen möchten?

Siegfired Jorda: Die größte Herausforderung ist das Laufen, da ich ständig mit den Gangblockaden zu kämpfen habe. Ohne Begleitung meiner Frau ist es eigentlich kaum möglich. Wenn ich es trotzdem versuche, endet das schnell in einem Desaster. Ich habe mir mittlerweile drei Mal meinen Oberarm gebrochen, zweimal den Unterarm, ungefähr elf Rippen … Im Februar 2018 habe ich mich einer sogenannten Tiefenhirnstimulation unterzogen. Das ist eine recht komplexe Operation, bei der man 2 Dioden ins Gehirn implantiert bekommt, die dann über einen Schrittmacher die defekten Gehirnregionen aktivieren sollen.

Rita Jorda: Deshalb habe ich dann auch aufgehört zu arbeiten, denn wir wussten nicht, wie das ausgeht und wie er sich danach bewegen kann. Ob es wirklich besser wird oder noch schlimmer. Ich hatte Gott sei Dank die Möglichkeit, in Altersteilzeit zu gehen und konnte dadurch früher zuhause bleiben. Wir haben dann gesagt, die OP machen wir erst dann, wenn ich daheim bin, da ich das mit dem Job nicht hätte vereinbaren können. Ja, und dann hat er das in Würzburg machen lassen, in der Hoffnung, dass er die Medikamente – er war zu diesem Zeitpunkt fast austherapiert – reduzieren kann und wieder an Mobilität gewinnt. Das war das vornehmliche Ziel. Das ist zum Teil auch gelungen. Er hatte früher das Zittern, das viele Parkinson-Patienten hatten. Das hat abgenommen. Er konnte z. B. früher keine Suppe mehr essen und den Löffel zum Mund bringen, das hat man durch die Tiefenhirnstimulation hervorragend in den Griff bekommen. Medikamente muss er trotzdem noch viele nehmen, aber wir wissen nicht, wie es aussehen würde, wenn Siegfried die OP nicht gemacht hätte. Die Feinmotorik und die Hände sind definitiv besser geworden. Aber danach hat sich dann das Freezing entwickelt und das hat sich in letzter Zeit leider drastisch verschlechtert. Er darf eigentlich keinen Schritt mehr laufen, ohne dass ich dabei bin. Denn ich erkenne das Freezing sofort und kann ihn dann stoppen, wenn es passiert. Oder er muss sich halt im Rollstuhl bewegen.

Siegfried Jorda: Diese Einschränkung hindert mich natürlich auch daran, Angebote wahrzunehmen. Die Alteninitiative von Hanau hat z. B. viele Programme, für die ich mich interessiere. Aber ich müsste entweder hinlaufen oder jemand müsste mich mit dem Auto hinfahren und wieder abholen. Und die Öffentlichen könnte ich auch nutzen, aber eben nicht alleine. Alleine bin ich im Moment nicht mobil.

Rita Jorda: Er nutzt dann halt die Online-Angebote und hat jetzt einen Online-Englischkurs belegt.

Zum Glück ist es nicht so schwierig, sich in Hanau zu bewegen, da ja alles flach ist. Ich kann einfach mit dem Rollstuhl mit ihm rausgehen, auch wenn es anstrengend ist. Ab und an bin ich da schon ganz schön am Japsen [lacht], aber man muss schauen, was es vielleicht auch in Zukunft noch für Hilfsmittel gibt. Man muss sich generell auch alles, was Hilfestellungen betrifft, mehr oder weniger selbst erarbeiten. Was ist machbar, was nicht. Ich bin viel im Internet unterwegs, um zu gucken, was ich überhaupt an Hilfsmitteln für ihn bekommen kann. Was finanzieren die Krankenkassen, alles wird ja nicht bezahlt.

Siegfried Jorda: Bestimmte Tätigkeiten mache ich nicht mehr. Wir haben z. B. schon ausgeschlossen, dass ich das Bezahlen im Supermarkt übernehme. Das ist eine Horrorvorstellung für mich. Denn wenn die Leute hinter mir anfangen zu meckern, weil ich nicht schnell genug bin, werde ich noch nervöser und es dauert noch länger. Das ist nervend, das halte ich nicht aus. Leute, die die Krankheit nicht kennen, verstehen das nicht. Leute, die mich sehen, wie ich so langsam unterwegs bin, sehen in mir oft einen Alkoholiker, der seine Alkoholprobleme durch die Gegend schiebt.

Rita Jorda: Ja, also dieses Stolpern und Zittern kommt bei vielen Menschen, die keine Ahnung von der Krankheit haben, vielleicht so herüber, als wäre man betrunken. Zumindest behaupten viele Parkinson-Patienten, dass sie immer wieder in der Richtung angemacht werden. Ich persönlich habe es noch nicht erlebt. Ich gehe auch sehr offensiv mit dem Thema um und sage immer sofort, dass mein Mann Parkinson hat. Das ist die einzige Möglichkeit, dann sind die Menschen oft ganz betroffen und verhalten sich anders. Man muss offensiv damit umgehen. Es hat keinen Sinn, sich mit so einer Krankheit verstecken zu wollen. Mein Mann hat am Anfang versucht, es zu verschleiern.

Siegfried Jorda: Ja. Aber jetzt auch nicht mehr. Dann sage ich auch: “Wenn Ihr weiter so einen Druck macht, dann dauert das bei mir nur noch länger.”

Rita Jorda: Ein weiteres Beispiel ist das Einkaufen in Läden wie Peek & Cloppenburg oder so. Das ist fast unmöglich. Denn je enger es irgendwo wird, umso schwieriger ist es, zwischen Kleiderständern mit ihm durchzugehen. Behinderte bräuchten hier mehr freie Flächen, auf denen sie dann auch wirklich laufen können und nicht diese ganzen engen Kurven. Da kommt weder jemand mit einer Parkinson-Erkrankung noch jemand mit einem Rollstuhl durch. Da sind die Läden wenig auf Behinderte eingestellt.

Gibt es jenseits von diesem Beispiel noch weitere Beispiele, bei denen Sie sich wünschen würden, dass etwas anders gestaltet wird?

Rita Jorda: Ja, wie gesagt, das letzte Jahr haben wir coronabedingt kaum etwas in Anspruch genommen. Wir waren jetzt am Freitag wieder einmal draußen und haben uns bei der Hanau Gastro-Nacht aufgehalten. Das war schön!

Siegfried Jorda: Ja, das war sehr schön! Die Parkinson-Krankheit verläuft so, dass man sagt, die ersten 10 Jahre gehts noch. Da ist man nicht besonders auffällig. Also Leute, die normalen Umgang mit mir gepflegt haben, wären damals nicht darauf gekommen, dass ich Parkinson habe. Diese ersten 10 Jahre haben meine Frau und ich daher genutzt, um viel zu reisen. Wir waren auf Bali und in Thailand und haben viel von der Welt gesehen. Wir haben die Zeit sehr gut genutzt!

Rita Jorda: Ja! Aber wir versuchen auch jetzt noch unsere Zeit zu nutzen! Ich meine, Corona hat nun alle Menschen eingeschränkt, für uns war es nicht so schlimm, weil wir es ja gewöhnt sind, viel zu Hause zu sein. Aber das überhaupt keiner mehr hierher kam und wir auch unseren Eritreern sagen mussten “kommt mal lieber nicht, ihr habt uns zu viel Kontakt” bevor die Impfungen kamen, das war schon sehr, sehr einschränkend und hat uns schon ein bisschen traurig gemacht. Aber da ich ja der Sechser im Lotto bin, haben wir das gut überstanden [lacht].

Gut, wenn man so einen Sechser im Lotto zu Hause sitzen hat! [lacht]

Rita Jorda: [lacht] Ja, man kann solche Krankheiten auch wirklich nur mit Humor ertragen. Das geht nicht anders, denn wenn man da verzweifelt, dann geht man selber daran kaputt, glaube ich.

Siegfried Jorda: Die meisten Beziehungen gehen auch daran kaputt. Weil es auf Dauer keiner aushalten kann. Das geht so weit, dass man zum kompletten Pflegefall wird, mit allem drum und dran. Noch gehts, aber ich weiß, dass es irgendwann nicht mehr gehen wird. Man muss auch sagen, obwohl wir Humor haben, ist die Stimmung hier auch nicht immer so, dass man himmelhochjauchzend durch die Gegend rennt. Es
ist schon hart.

Rita Jorda: Interessanterweise trifft die Parkinson-Erkrankung meistens relativ aktive Menschen, die in ihrem Leben sehr viel erreicht haben, sehr ehrgeizig waren. Fast alle Menschen, die wir so in der Reha kennengelernt haben, waren leitende Manager von großen Firmen oder Künstler. Also richtig ausgefallene Menschen. Das ist schon eine ziemlich interessante Geschichte, dass gerade diese Personen betroffen sind. Aber die Wissenschaftler kommen halt nicht weiter mit Ihren Forschungserkenntnissen.

Siegfried Jorda: Es gibt anscheinend wohl immer noch zu wenig Parkinson-Patienten. Es ist also so, dass sich die Entwicklung von neuen Medikamenten scheinbar nicht wirklich finanziell rentiert.

Rita Jorda: Also um noch einmal auf Hanau zurückzukommen … auf Hanau speziell bezogen kann man eigentlich nicht sagen, dass es spezielle Einschränkungen für Behinderte gibt, zumindest wie wir es jetzt wahrnehmen. Ich meine, für jemanden, der permanent im Rollstuhl sitzt und sich allein bewegt, ist das ja immer noch etwas anderes, ob er in ein Geschäft hinein kommt. Aber zum Beispiel die Bushaltestellen etc. wurden ja jetzt alle umgestaltet, um das Einsteigen zu erleichtern. Ich finde, es wird schon viel gemacht. Aber als Behinderter bewegt man sich natürlich trotzdem im Straßenverkehr deutlich gefährdeter als jeder andere. Man kann nicht so schnell reagieren und wird auch leichter übersehen. Wenn jemand im Rollstuhl auf dem Fahrradweg fährt, dann hat ein Auto die Person auch mal schnell zur Seite gedrückt.

Siegfried Jorda: Ja gut, aber das ist kein besonderes Merkmal von der Stadt Hanau, das ist ein grundsätzliches Problem.

Rita Jorda: Stimmt, die Dinge sind jetzt nicht schlechter in Hanau als irgendwo anders. Außer am Bahnhof! Der ist überhaupt nicht barrierefrei. Da darf man nur S-Bahn fahren wollen, aber ansonsten kommt man auf kein Gleis hoch. Das ist eine Zumutung! Ich gehe dann immer auch erst mit dem Koffer hoch. Den lasse ich dann alleine auf dem Bahnsteig stehen und dann hole ich meinen Mann nach, wenn wir zum Zug wollen. Aber da wird ja scheinbar jetzt etwas gemacht. Aber das wird bestimmt länger dauern.

Siegfried Jorda: Also die Angebote, die hier in Hanau gemacht werden, z. B. von der Frau Heddendorp (Alt&Jung Chancenpatenschaften) und anderen, die finde ich gut!

Rita Jorda: Ja, auch die Angebote von Menschen in Hanau, z. B. der Spiele-Nachmittag. Ich spiele gerne und dachte dann in der Corona-Zeit, dass ich das einmal ausprobiere. So habe ich auch Daniel kennengelernt.

Abschließend noch eine Frage: Gibt es etwas, dass Sie Menschen mit einer ähnlichen Erkrankung noch mitgeben möchten?

Siegfried Jorda: Kämpfen. Einfach nicht aufgeben. Ich bin der Meinung, es gibt immer noch Momente, die lebenswert sind. Es kommt immer darauf an, was man daraus macht. Und vor allem sollte man versuchen, Freundschaften zu halten und zu pflegen. Wenn es irgendwie geht. Denn je weiter die Krankheit fortschreitet, desto schneller sind die Freunde weg.

Rita Jorda: Ja, das ist bei manchen so. Aber die richtig guten Freunde, die bleiben erhalten. Das wird bei jedem so sein. Aber manche Leute können mit so einer Form von Krankheit nicht gut umgehen und ziehen sich dann zurück. Das ist halt so im Leben. Unsere guten Freunde haben wir schon noch. Es ist aber sehr wichtig, dass die erkrankte Person einen Angehörigen hat, der sich wirklich kümmern kann. Denn das, was die Pflegedienste leisten können, das ist nicht das, was einen Menschen am Leben hält. Also das, was das Leben noch lebenswert macht. Ich nehme im Moment auch überhaupt keine Hilfe von Pflegediensten in Anspruch, weil ich sage, ich kann das noch selber und es würde mir nichts bringen, jetzt irgendeinen ambulanten Pflegedienst morgens zum Anziehen vorbeikommen zu lassen. Der ist 5 Minuten da, dann ist er weg. Das Problem habe ich aber eher 10 Minuten später, wenn mein Mann gefallen ist und in einer Ecke liegt und ich ihm hochhelfen muss. Dann ist kein Pflegedienst da. Und wenn sie sich jetzt anschauen, dass beschlossen wurde, dass die 24-Stunden-Pflegedienste mit Mindestlohn bezahlt werden sollen … Meiner Meinung nach bricht das gesamte Gesundheitssystem zusammen, wenn das so gemacht wird. Weil wenn jemand wirklich Pflegestufe 5 hat und diese Betreuung braucht und kein Angehöriger da ist, dann ist das nicht mehr finanzierbar. Von der Pflegekasse kriegt man maximal 2.000 Euro und nur für Pflegeleistungen, das umfasst keine Haushaltshilfe oder Ähnliches. Das sind so Dinge, über die ich mir viele Gedanken mache. Aber ich glaube das geht jedem so, der mit dem Thema Pflege in Berührung kommt. Auch für einen selbst, wie geht es mit einem selbst weiter, wenn kein Kind und kein Partner mehr da ist, der sich um einen kümmern kann. Das sind belastende Fragen.

Siegfried Jorda: Diese Entscheidung mit dem Mindestlohn, die war wie ein Tsunami für alle Pflegebedürftigen. Ich weiß nicht, wie das funktionieren soll.

Rita Jorda: Ja, das weiß ich auch nicht. Es gibt kaum reguläre Pflegekräfte. Und dann wollen sie da auch noch das letzte Schlupfloch zu machen, dass die Pflege in Deutschland noch so halbwegs am Leben hält …. das ist verrückt. Es gab mal vor Jahrzehnten einen Film, wo sie die Alten weggekarrt haben. Soylent Green hieß der, da wurden die Alten eingesammelt und auf eine Insel gebracht, auf der paradiesische Zustände herrschten und alles toll aussah. Und dann durften sie am Abend dann in so einem großen Zelt schlafen und es wurde ihnen etwas verabreicht … und dann hat man sie zu grünen Plätzchen verarbeitet, die man wieder der Bevölkerung zum Essen gegeben … man hat dann quasi einen Kreislauf erzeugt. Ein sehr spannender Film damals … [lacht] Das war nur ein Science-Fiction-Film, aber das fand ich schon denkwürdig. Irgendwann kommt man vielleicht auch noch auf solche Ideen … verstehen Sie mich nicht falsch, aber wie soll es denn weitergehen, wenn überall die Möglichkeiten, noch irgendwo Hilfe zu bekommen, ausgelöscht und die Familienverbände weggefallen sind? Früher war es normal, dass sich die Familien um ihre Angehörigen gekümmert haben. Aber das gibt es nicht mehr.

Siegfried Jorda: Ja … zumal die Anzahl an Pflegebedürftigen in Deutschland ständig wächst. Das heißt, dass die Aufgabe der Pflege immer wichtiger wird und immer mehr Personal gebraucht wird. Wenn das aber immer teurer wird, wird das zu schweren Verwerfungen führen.

Rita Jorda: Ja, und man will natürlich auch nicht die eigenen Kinder belasten. Die haben ihr Leben und ihre Probleme und müssen auch irgendwie klar kommen. Und so kommt es halt, dass das Problem der Pflege immer mehr der Gesellschaft anheimgegeben wird. Und so wie es aussieht, wird wohl die Gesellschaft dieses Problem nicht lösen können. Da müsste sich vieles ändern in unserem Land, damit man das noch in den Griff bekommt. Wenn wir keine grünen Plätzchen backen wollen [lacht].

Nein, die wollen wir nicht backen! [lacht] Ich danke Ihnen ganz herzlich für diesen intensiven Einblick und das Interview, bei dem ich sehr viel lernen durfte.

Siegfried Jorda: Gerne doch, ich danke Ihnen!


Weitere spannende Geschichten von Hanauer*innen und Ihrem Umgang mit herausfordernden Lebenslagen findet Ihr auch in der Rubrik Mutmacher-Geschichten.

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