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Kulturelle Unterschiede und Schwierigkeiten – Flüchtlinge in psychologischer Behandlung

Kulturelle Unterschiede und Schwierigkeiten – Flüchtlinge in psychologischer Behandlung

Kulturelle Unterschiede und Schwierigkeiten – Flüchtlinge in psychologischer Behandlung

Der folgende Beitrag enthält Wörter und Beschreibungen von Gewalt, welche vom Leser als belastend oder retraumatisierend empfunden werden können.

Allgemeines

Geflüchtete Menschen nehmen in der „neuen“ Heimat starke Unterschiede im kulturellen Bereich wahr. Die Wertevorstellungen sind auf beiden Seiten vielfältig. Besonders manifestieren sich Unterschiede in den Bereichen der Gleichberechtigung sowie dem Stellenwert der Familie und dem Respekt älteren Menschen gegenüber.

Die Annahme dieser kulturellen Unterschiede fällt den meisten geflüchteten Menschen jedoch leicht.
Umfragen ergeben, dass im Bereich der Gleichheit viele Menschen aus anderen Kulturen eine Gleichberechtigung befürworten, sich aber nicht dafür einsetzen oder dies ausleben.

Auch der vermeintlich differenzierte Unterschied im Umgang mit der Familie erschwert es Geflüchteten, sich in Deutschland heimatlich zu fühlen.
Viele haben das Gefühl, dass die Mehrheit der Deutschen sich in erster Linie für sich selbst interessieren und die Familie an zweiter Stelle vorkommt. Auch fällt ihnen auf, dass ältere Menschen nicht das Maß an respektvollem Umgang wie in ihren Herkunftsländern genießen.

Diese und andere religiöse und kulturelle Differenzen können ein Problem und eine Herausforderung für eine Integration darstellen.
Trotz allem nehmen die Befragten der Umfragestudie Deutschland als „liberal, demokratisch und rechtsstaatlich“ wahr.

Psychische Belastungen

Menschen, die aus ihrer Heimat aufgrund von Krieg, Missbrauch, Gewalt, und Unterdrückung fliehen mussten, tragen neben kulturellen Belastungen ebenfalls eine große psychische Belastung mit sich. Psychologische Betreuung stellt in dem Fall ein großes Problem für die Psyche des Betroffenen und das deutsche Gesundheitssystem mit mehr als 900 000 Flüchtlingen dar.
Personen aus anderen Ländern, die nach Deutschland geflohen sind, waren in existenzieller Notlage und fürchteten um ihr Leib und Leben. Die Situation in ihren Herkunftsländern wiesen keine Besserung für die kommenden Jahre auf.

Betroffene sind extremen Belastungen ausgesetzt. Die Folgen davon sind traumatische Erlebnisse mit dem Ausgang einer Diagnose zur „Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)“ und Depressionen. Zu sehen sind zwei geöffnete Hände, die illustriert eine Sonne mit einem Auge im Zentrum halten. Auf der Handfläche steht "Awareness"

Auch nach der Flucht und bei der Flucht selbst, erweisen sich neue Schwierigkeiten für Flüchtlinge. Überfüllte Aufnahmeeinrichtungen, unklare Zukunftsperspektiven, Fremdenfeindlichkeit im neuen Land, andere Kulturen sowie die Angst vor einer Abschiebung verschlechtern den psychischen Zustand der Person. Zu erwarten sind dadurch neu hinzugekommene Suchterkrankungen, somatoforme und dissoziative Störungen.

Die Mehrheit der geflüchteten Menschen berichten über multiple Gewalterfahrungen (Kriegserlebnisse, Waffengewalt, Bombenangriffe, …). Gewalt und Gefahr gehörte zu ihrem Alltag in der Heimat.

Frauen und Kinder gehören zu der am größten gefährdeten Gruppe psychisch Erkrankter. Insbesondere sexuellen Übergriffen sind sie am meisten ausgesetzt, beispielsweise in Aufnahmeeinrichtungen oder während der Flucht, wenn diese ohne männliche Begleitung unterwegs sind.

Die notwendige Therapie von Flüchtlingen stellt eine große Herausforderung dar. Stabile Lebensverhältnisse und ein Maß an Sicherheit sind insbesondere zur Bewältigung und Behandlung traumatischer Ereignisse eine Grundvoraussetzung. Weiterhin steht die Sprachbarriere im Weg zur erfolgreichen Behandlung. Muttersprachliche Therapeuten sind selten zu finden. Oftmals versuchen Behandler:innen Dolmetscher zum Gespräch hinzuzuziehen. Der Einsatz von Dolmetschern erfordert auch bestimmte Voraussetzungen. Diese:r sollte sich in den Kulturkreisen der / des Betroffene/n auskennen, die Glaubensrichtung und politische Bedingungen in dem jeweiligen Heimatsland kennen sowie traditionelle Vorgehensweisen verstehen.
Oftmals ist es leider so, dass keine staatlich anerkannten Dolmetscher für eine therapeutische Unterstützung ausgebildet werden. Es ist wichtig, dass die Dolmetscher Schulungen zum psychologischen Vorgehen erhalten, um ebenfalls die nötige Empathie in einer Therapie zu gewährleisten.

Auch wird die Vermeidung in speziell muslimischen Ländern stark ausgeübt. Schuld und Scham sind die ausschlaggebenden Punkte hierfür.

Das schreckliche Ereignis, was den Menschen widerfahren ist, erklären sie sich meist aus vermeintlichem eigenen Fehlverhalten und als Strafe Gottes für eine begangene Sünde. Die Krankheit würde nicht im Körper entstehen, sondern zum Beispiel von Dämonen gefördert werden. Eine psychische Krankheit sei der Wille Gottes, die als „strafende Gerechtigkeit“ gesehen wird.

Besonders ist das Aufarbeiten von sexualisierter Gewalt in vielen Kulturen ein großes Tabu-Thema. Opfer von Missbrauch werden sozial dadurch verachtet.

Alle genannten Punkte sowie viele weitere sind wichtig, um eine erfolgreiche Therapie gewährleisten zu können.

Das deutsche Gesundheitssystem hat bereits gut evaluierte Behandlungsangebote hervorgebracht. Im Internet finden sich einige Therapieprogramme in arabischer Sprache, die in erster Linie sprachliche und kulturelle Barrieren überwinden.
Einige davon sind am Ende dieses Beitrags als Link zu finden.

 

Zusammenfassung

  • kulturelle Sensibilität ist bei einer therapeutischen Arbeit mit geflüchteten Menschen erforderlich
  • Psycholog:innen und Dolmetscher:innen sollten eine Aus- und Weiterbildung in transkultureller Medizin absolvieren
  • interkulturelle Kompetenzen sollten erlernt werden
  • es sollten mehr muttersprachliche Therapeuten ausgebildet werden
  • Betroffene sollten vermehrt die Unterstützung aus dem Umfeld erfahren (darunter zählen unter anderem das Gesundheitssystem, Sozialarbeiter:innen sowie die Familie)

 

Merke:

Wichtig ist, dass wir geflüchtete Menschen – aber auch generell ausländischen Mitbürger:innen – soweit es uns möglich ist, in ihrem Integrationsablauf und der Überwindung der Herausforderungen unterstützen.
Langfristig kann dies sonst zur Verschlechterung ihrer psychischen Gesundheit führen.

 

Links:

Refugee Health Screener
Cultural Formulation Interview (CFI) – zur kulturspezifischen Interpretationen des Krankheitserlebens (für Interessierte zur Vorgehensweise des Interviews).
Ilajnafsy – internetbasierte Interventionen (Sprachen: Arabisch, Deutsch, Englisch).

 

Definitionen:

  • Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS): dies ist eine psychische Reaktion auf ein sehr belastendes Ereignis, welches sich zeitlich verzögert bemerkbar macht. Traumatische Erlebnisse können von längerer oder kürzerer Dauer sein. Ein ausschlaggebendes Symptom ist das Wiedererleben der Situation im inneren Auge des Betroffenen.
  • somatoforme Störungen: auf körperliche Beschweren werden häufig keine organischen Ursachen gefunden.
  • dissoziative Störungen: entstehen oftmals während einer PTBS. Häufige Symptome sind Flashbacks (Wiedererleben), Amnesie (Gedächtnisstörungen) sowie Depersonalisation (Fremdgefühl im eigenen Körper).

 

Quellen:

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Kommentare (1)

  1. Karl-Heinz Leister

    Diese Ausführungen bestärken mich noch mehr im Denken, dass Integration ein beidseitiger oder gar mehrseitiger Prozess ist. Wenn wir unsere neuen Mitbürger besser verstehen wollen, müssen wir uns auch mit ihrer Kultur, Religion, Tradition auseinandersetzen. Es ist kein einseitiger Prozess, in dem “die” sich in “unsere” Kultur integrieren.

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Diese Ausführungen bestärken mich noch mehr im Denken, dass Integration ein beidseitiger oder gar mehrseitiger Prozess ist. Wenn wir unsere neuen Mitbürger besser verstehen wollen, müssen wir uns auch mit ihrer Kultur, Religion, Tradition auseinandersetzen. Es ist kein einseitiger Prozess, in dem “die” sich in “unsere” Kultur integrieren.

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