post-title Kreative Wohnformen am Beispiel der Kalkbreite in Zürich

Kreative Wohnformen am Beispiel der Kalkbreite in Zürich

Kreative Wohnformen am Beispiel der Kalkbreite in Zürich

Ein mehrstöckiger Gebäudekomplex, davor eine Straße mit einem Radfahrer und Autos.

Beim Weltverbesser:innen-Stammtisch im Dezember haben wir über das Thema „Kreative und alternative Wohnformen“ diskutiert. Wie versprochen, folgen nun ausführlichere Einblicke in unsere spannende und engagierte Diskussion.

Warum überhaupt das Thema „Kreative und alternative Wohnformen?“

Wohnen, das betrifft zunächst jeden von uns. Und wie wir wohnen, hat Auswirkungen auf unsere Umwelt und auf unsere sozialen Verhältnisse. Wohnen kann unökologisch und sozial isolierend sein, aber auch das genaue Gegenteil davon: nämlich ressourcenschonend und gemeinschaftlich mit anderen Menschen. Die Kalkbreite in Zürich ist ein solch positives Beispiel dafür. Ein interessantes Thema für Menschen in Hanau!

Einige Eckdaten zur Kalkbreite:

  • 2007 gründeten Quartiersbewohner die Genossenschaft „Kalkbreite“ in Zürich. Sie wollten ein Areal, das als Straßenbahnabstellplatz diente, bewohnbar machen. Dort sollte ein Gebäudekomplex entstehen, der gemeinschaftliches Wohnen mit genügend Privatraum ermöglicht und dabei auch hohe ökologische Standards erfüllt. Aus der Vision wurde Realität: 2014 erfolgte der Bezug des Wohn- und Gewerbebaus Kalkbreite.
  • In der Kalkbreite leben ca. 250 Bewohner:innen. Es gibt verschiedene Wohnformen und Haushaltskonstellationen, z.B. Wohngemeinschaften und sogenannte Clusterwohnungen. Für Familien gibt es je nach Größe und Lebensform Wohnungen für Patchworkfamilien, für Alleinerziehende oder auch Familien-Wohngemeinschaften.
  • In der Kalkbreite gibt es auch Gewerbebetriebe wie Geschäfte, Restaurants, Bars, eine Arztpraxis und ein Kino.
  • Die Mietpreise in der Kalkbreite sind deutlich niedriger als im Züricher Durchschnitt. Auch der Wohnraum pro Person fällt geringer aus.
  • Die Kalkbreite ist autofrei und zeichnet sich durch einen geringen Energieverbrauch aus.

Was sind Clusterwohnungen?

  • Von Clusterwohnungen spricht man, wenn mehrere Wohnungen einen Zusammenschluss bilden und ein Raum von allen Bewohner:innen gemeinschaftlich genutzt wird.
  • In der Kalkbreite bilden 3 x 10 Kleinwohnungen (26-45m²) einen Cluster. Die Bewohner:innen nutzen gemeinschaftlich eine Wohnküche.
  • Die Wohnungen teilen sich einen Stromzähler und einen Glasfaser-Anschluss. Das bedeutet für alle: niedrigere Kosten bei den Anschlussgebühren als bei Einzelanschlüssen.
  • Dann gibt es noch den Cluster Großhaushalt: Dies ist ein Zusammenschluss von 20 Wohnungen mit ca. 50 Bewohner:innen. Diese können einen gemeinsamen Ess- und Aufenthaltsraum in Anspruch nehmen. Montags bis freitags wird in der professionellen Küche von angestellten Köch:innen ein Abendessen zubereitet, für das sich die Cluster-Bewohner:innen anmelden können.

Welche Besonderheiten gibt es noch in der Kalkbreite?

  • Es gibt einige sogenannte Wohnjoker. Das sind kleine Wohnungen mit Bad, aber ohne Küche, die zur eigentlichen Wohnung dazu gemietet werden können. Das ist z.B. für Familien praktisch, die für ihre Kinder im Jugendalter mehr Platz brauchen.
  • In der Kalkbreite gibt es 2 Gemeinschaftsbüros, in denen Arbeitsplätze gemietet werden können. Es gibt auch Wohnateliers für Bewohner:innen, die Wohnen und Arbeiten miteinander verbinden möchten.
  • Die Rue Intèrieure führt durch das ganze Gebäude und verbindet alle Treppenhäuser. Dieser „Gang“ in der Kalkbreite ist ein Treff- und Aufenthaltsort für alle Bewohner:innen.
  • Es gibt einen Waschsalon, eine Werkstatt, eine Caféteria, eine Bibliothek usw. – die Nutzung ist im
    Innenhof mit Kinderspielplatz und Bäumen

    Innenhof der Kalkbreite

    Mietpreis inbegriffen.

  • Es gibt keine privaten Außenräume, dafür aber mehrere Dachgärten und ein begrünter Innenhof mit Kinderspielplatz.
  • Bei der Auswahl der Bewohner:innen wird auf Vielfalt geachtet. In der Kalkbreite leben beispielsweise Menschen verschiedener Altersgruppen, Nationalitäten, Einkommensgruppen sowie mit unterschiedlichen Berufen und Interessen usw.
  • Kinder und Jugendliche haben ein Mitspracherecht und das eigenständige Wohnen von Jugendlichen wird gefördert.

Wie ist das mit der Autofreiheit in der Kalkbreite?

  • Alle Bewohner:innen verpflichten sich, kein Auto zu besitzen (Ausnahme: Für mobilitätseingeschränkte Bewohner:innen gibt es einige Parkplätze). Auch die Personen, die in der Kalkbreite arbeiten, dürfen für ihren Arbeitsweg kein Auto benutzen.
  • Der Verzicht aufs Auto wird unter anderem dadurch attraktiv, dass die Kalkbreite zentral liegt und Straßenbahn, Bus und Zug direkt vor der Kalkbreite abfahren.

Warum ist der Energieverbrauch in der Kalkbreite so niedrig?

  • Der Gebäudekörper ist gut gedämmt. Es werden erneuerbare Energien sowie Grund- und Abwasser genutzt. Das Gebäude benötigt nur wenig zugeführte Wärme.
  • In den Wohnungen ist die Temperatur nicht individuell einstellbar. Die Raumtemperatur liegt bei 20 Grad bei einer Außentemperatur von -8 Grad.
  • Waschmaschinen und Gefrierschränke sind in den Wohnungen nicht erlaubt.
  • Dafür gibt es einen Waschsalon und einen „Freeze“. Der Freeze ist ein gekühlter Raum mit Gefrierfächern. Dort kann man sich bei Bedarf ein Fach mieten. Die Abwärme des Freeze produziert einen großen Teil des Warmwassers für die Wohnungen.

Und wie sieht es mit der Barrierefreiheit aus?

  • Die Kalkbreite ist weitestgehend barrierefrei: Alle Wohnungen sind über einen Lift erreichbar, ebenso die öffentlichen Räume, Gemeinschaftsräume und auch Geschäfte.
  • Einige Türen im öffentlichen Raum öffnen sich automatisch.

Gibt es noch mehr Infos über die Kalkbreite?         

  • Wir haben hier nur einige Punkte zusammengestellt. Die Kalkbreite stellt viele weitere Informationen auf ihrer Internetseite zur Verfügung.

Unsere Diskussion: Wir bleiben am Thema dran!

Wir haben eine angeregte Diskussion über die Kalkbreite geführt. Manche Teilnehmer:innen waren regelrecht begeistert von der Kalkbreite, manche waren eher skeptisch und konnten sich nicht vorstellen, auf ein Auto zu verzichten oder die Heizung in der eigenen Wohnungen nicht eigenständig regulieren zu können.

Einig waren sich aber alle: Die Kalkbreite ist ein gutes Beispiel, wie Wohnen auch anders gestaltet werden kann. Besonders, dass die Menschen in ihren eigenen Wohnungen individuell wohnen und zugleich durch die Gemeinschaftsräume im wahrsten Sinne des Wortes miteinander leben, hat uns sehr beeindruckt. Auch die gut durchdachte Architektur und das ökologische Konzept fanden wir überzeugend.

Die Diskussion warf unter anderem folgende Gedanken, Ideen und Fragen auf:

  • Wie können wir die Öffentlichkeit und auch politische Verantwortungsträger für das Thema sensibilisieren? Bei den zahlreichen Neubaukomplexen in Hanau wurde unserer Kenntnis nach kein explizit sozial-ökologisches Konzept verfolgt.
  • Welche Möglichkeiten gibt es, um zukünftige Bauträger zu sozial-ökologischen Konzepten zu bewegen? Welche Bauflächen in Hanau würden sich für ein entsprechendes Projekt eignen?
  • Vielleicht gibt es in Hanau kreativ-alternative Wohnformen, von denen wir (noch) nichts wissen?
  • Die Kalkbreite ist ein extremes Beispiel, fanden einige Teilnehmer:innen. Wäre es nicht auch ein Anfang, wenn in Mehrparteienhäusern die Wohnungen etwas kleiner ausfallen und dafür Gemeinschaftsräume angeboten würden (Arbeits-bzw. Büroräume usw.)? Oder dass Gefrierfächer zur Miete angeboten werden?
  • Was können wir in unserem eigenen Umfeld tun, um ökologisch bewusster zu wohnen und ein besseres soziales Miteinander zu schaffen? Da gibt es bestimmt noch viele Ideen!
  • Was müsste geschehen, damit mehr Menschen auf ein Auto verzichten? Neben einer verbesserten Anbindung/Taktung des öffentlichen Nahverkehrs ist es ökologisch sinnvoll, wenn Geschäfte, Ärzte etc. in der unmittelbaren Nähe sind (wie in der Kalkbreite, dort sind diese ja sogar in das Gebäude integriert).
  • Wie kann man gemeinschaftliches Wohnen organisieren? Klar ist, dass es auch zu Konflikten kommen kann. Daher sollte vorab festgelegt werden, wie gemeinschaftliches Leben definiert werden kann und was die Bewohner:innen erwarten. Rückzug muss möglich sein und Grenzen müssen von allen akzeptiert werden. Dafür braucht es gut durchdachte Regelungen und Schlichtungsmöglichkeiten bei Konflikten.
  • Einig waren sich alle Diskussionsteilnehmer:innen: Wir wollen das Thema vertiefen und bleiben dran!

Kurze Notiz zu diesem Stammtisch hier

©Fotos: https://www.kalkbreite.net/medien/downloads/

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst du der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden. Die Erklärung gilt für 3 Monate. Mehr Informationen zum Thema Cookies kannst du in unserer Datenschutzerklärung einsehen.

Schließen