post-title Jan erzählt aus seiner Schulzeit – ein Interview von Melina Georgi

Jan erzählt aus seiner Schulzeit – ein Interview von Melina Georgi

Jan erzählt aus seiner Schulzeit – ein Interview von Melina Georgi

Kleiner Junge von hinten in eine Landschaft blickend. Er hat einen senffarbenere Bläser mit roten Ellenbogenflicken an.

„Mein Name ist Jan. Ich bin nun 19 Jahre alt und komme ursprünglich aus Frankfurt am Main, wohnhaft bin ich aber in einer kleinen Gemeinde im Wetteraukreis. Ich habe eine Behinderung, die nennt sich Asperger Syndrom.

Meine Freizeit verbringe ich oft mit mit meinem großen Hobby, der Feuerwehr. Weiterhin interessiere ich mich für Computer und Computerspiele und zusätzlich für Chemie und Biologie.

Ich war auf dem Franziskanergymnasium Kreuzburg in Großkrotzenburg, welche, wie der Name schon sagt, ein Gymnasium in freier Trägerschaft war, also keine staatliche Schule.

Diese Behinderung ist eine Unterform der Autismus-Spektrum-Störung und geht mit Defiziten in der sozialen Interaktion mit Menschen, der Kommunikation und dem Symptom der extremen Spezialinteressen daher.

Nun muss ich hinzufügen, ich bin in einigen Punkten nicht der typische „Aspi“, denn ich habe zwar immer noch extreme Schwierigkeiten bei der Kommunikation mit anderen Menschen, jedoch habe ich ein Hobby und jetzt auch einen Beruf, der dem eigentlich widerspricht.

Denn dieser beruht darauf, mit Menschen zu interagieren. Speziell mit Menschen, die in Not- bzw. Extremsituationen sind.“

 

Melina: “War es schon lange klar, dass du auf ein Gymnasium und nicht auf eine Sonderschule gehen würdest?”

Jan: „Für mich persönlich und für meine Eltern war es klar, dass ich nicht auf eine Sonderschule gehen würde.

Allerdings war das aus Sicht meiner Lehrer in der Grundschule nicht selbstverständlich.

Diese meinten ich solle auf eine Sonderschule gehen. Aber die Lehrer hatten auch so ein eindimensionales Schubladen-Denken.

Sie dachten wahrscheinlich: Oh, der hat eine Behinderung… Nein den empfehlen wir nicht weiter, der soll auf eine Sonderschule gehen, wo er hingehört.“

 

Melina: “Wurde dein schulischer Prozess unterstützt oder war es beispielsweise schwierig, eine passende Integrationskraft und Schule zu finden?”

Jan: „Ja und nein.

Fangen wir mit den Punkten an, bei denen wir unterstützt wurden.

Zuerst wäre da die Suche nach den Integrationskräften. Dabei wurde uns geholfen und von dem Verein, woher wir diese bezogen haben, wurden wir auch immer unterstützt, wenn es Probleme gab.

Weiterhin wurden wir von der verschiedenen Autismus-Therapie-Instituten unterstützt (ATZ Langen und ATZ Frankfurt am Main), genauso wie von den Mitgliedern des Autismusverbands Rhein-Main e. V..

Hier hat uns vor allem der Vorsitzende des Autismusverbandes Rhein-Main, Markus Behrendt, sowohl meinen Eltern als auch mir geholfen, indem er uns beim Antrag meines Schwerbehindertenausweises geholfen hat. Ebenso [stand er uns] immer mit Rat und Tat zur Seite, falls wir Probleme hatten.

Irgendwann wurde mir die Einzeltherapie nicht mehr genehmigt, auch ein Gerichtsverfahren brachte keine Änderung. Es fiel zu meinen Ungunsten aus und damit wurde die Therapie gestrichen.

Die Begründung für die Ablehnung der Therapie war, dass für mich doch eine Gruppentherapie viel sinnvoller wäre. So als Info nebenbei: Ich stand auf einer Warteliste für solch eine Therapie an der Uniklinik in Frankfurt seit meiner Diagnose (2009) und letztes Jahr (2018) habe ich dann einen Platz angeboten bekommen für eine „Gruppentherapie“, die aus mir und noch einem bestand und ein halbes Jahr dauerte. Da fühlten wir uns auch irgendwie ein bisschen veralbert und im Stich gelassen, aber so sind die Ämter in Deutschland leider.“

 

Melina: “Wie sah dein Schulalltag aus? Gab es Besonderheiten?”

Jan: „Mein Schultag hat sich für mich nicht wirklich von dem der anderen unterschieden. Ich bin ganz normal zur Schule mit dem Bus gekommen und saß dann im Unterricht und habe gelernt wie jeder andere.

Der größte Unterschied war vermutlich die Integrationskraft, welche zu Beginn immer dabei war, sowohl im Bus, als auch im Unterricht und den Pausen.

Das wurde dann nach und nach reduziert bis ich sie nicht mehr brauchte / sie nicht mehr genehmigt wurde.“

 

Melina: “Wie sieht deine Erfahrung mit Schulbegleitern aus?”

Jan: “Ich hatte eine Integrationskraft seit 2010, also kurz nach meiner Diagnose, bis zur zehnten Klasse, also bis 2016. Währenddessen hat diese Kraft aus den verschiedensten Gründen allerdings einige Male gewechselt.

Ohne Begleitung war es logischerweise am Anfang ungewohnt, weil man vor allem in den Pausen niemanden hatte, mit dem man sich unterhalten konnte. Allerdings wurde es ja nicht von jetzt auf sofort abgesetzt, sondern Stück für Stück. Somit war der Umstieg keine so große Hürde.

Generell habe ich mit den Integrationskräften gute Erfahrungen gemacht. Auch mit den Vertretungen, die ab und zu da waren. Es gibt, wie fast überall, auch Leute mit denen man nicht zurecht kommt, und so war es auch hier mit einer Vertretung. Aber diese habe ich dann, als wir das gemeldet haben, nie wieder gesehen.“

 

Melina: “Gab es Probleme mit dem Schulstoff oder dem Lernen?”

Jan: „Nein, von meiner Seite aus gab es kaum Probleme mit dem Lernen. Allerdings gab es ab und zu Probleme mit bestimmten Aufgaben. Diese bezogen sich dann meistens auf zwischenmenschliche Beziehungen oder Beschreibungen aus der Sicht von jemand anderem.

So war es für mich zum Beispiel schwer, in Kunst die Gefühle und Gesichtsausdrücke der Menschen richtig zu deuten. Oder in Deutsch die Beziehung zwischen zwei Charakteren zu beschreiben, geschweige denn, diese nach zuspielen oder aus deren Perspektive etwas zu schreiben.

Eine besondere Schwierigkeit, die bei mir noch auffiel, war die Behandlung des Thema Mobbings oder Behinderung. Auch schwer fiel in Geschichte und Religion das Thema Nationalsozialismus und der Mord an Behinderten. Da kam es  mal vor, dass ich aus dem Unterricht rausgegangen bin, weil ich wirklich sonst innerlich zusammengebrochen wäre oder angefangen hätte zu weinen.

Hierzu möchte ich ein Beispiel aus dem Religionsunterricht bringen.

Es hat damit angefangen, dass wir einen Film geschaut haben, bei dem es um zwei Familien geht, die beide ein Kind mit Trisomie 21 (Down-Syndrom) erwarten.

Die eine Familie lässt abtreiben, bei der anderen kommt es zur Totgeburt. Ebenso kamen dann von einigen Mitschüler im Laufe des Unterrichts Kommentare zu Menschen mit Behinderung, bei denen sich mir die Haare gesträubt haben. Ich hörte Sprüche wie:

„Solche Menschen sind nicht lebenswert“ oder ähnliches. Der Film hat mich geschockt, als ein Elternteil der Familie, die sich für eine Abtreibung entschied, meinte: „Es wäre in Ordnung wenn das Kind gesund wäre, aber mit einem behinderten Kind kann und will ich nicht Leben.“

 

Melina: “War es schwer, Anschluss zu anderen Schülern zu finden?”

Jan: „Auf jeden Fall war es für mich schwer, Kontakte zu knüpfen. Allein schon wegen meiner Behinderung und den daraus resultierenden Schwierigkeiten mit Kommunikation mit anderen Menschen.

Aber auch die Mitschüler haben es mir nicht unbedingt leichter gemacht, Kontakt zu anderen aufzubauen, obwohl sie von meiner Behinderung und den Folgen wussten.

Also habe ich mich damit abgefunden, die meiste Zeit allein zu verbringen. Darüber war ich meist auch sehr froh, weil ich dann mal abschalten und in Ruhe nachdenken konnte.“

 

Melina: “Gab es Probleme mit Lehrern oder Schülern?”

„Ja, wie zuvor gab es auch Probleme in der weiterführenden Schule. Logischerweise kam ich nicht mit allen Schüler zurecht und viele konnten mich nicht leiden, weil ich so ein rechthaberischer, klugscheißender Besserwisser und eine Spaßbremse war.

Und ja, nicht nur mit Schülern gab es Probleme, sondern auch mit Lehrern. Zwei Beispiele möchte ich hier nennen: Als ich an die Kreuzburg kam, haben wir uns an den damaligen Schulseelsorger gewandt und dieser hat einen Artikel in der Schulzeitung verfasst, wie schön es doch sei, dass Menschen wie ich an der Schule aufgenommen und unterstützt werden würden.

Daraufhin hielt es ein Lehrer für eine tolle Idee, einen weiteren Artikel an die Schulzeitung zu schreiben, der auf dem Brief des Seelsorgers aufbaute. Allerdings schrieb dieser in den Artikel, dass Personen wie ich nichts hier an der Schule verloren hätten und, dass wir in Behindertenwerkstätten und Sonderschulen gehen sollten, wo wir hingehören.

Und da haben wir alle erst mal geschluckt und gedacht : Na toll wenn das so anfängt, wie soll das dann weitergehen?

 

Melina: “Hast du Mobbing erlebt?”

„Ja, habe ich. Sowohl in der Grund- als auch in der weiterführenden Schule. In der Grundschule wurde ich ausgegrenzt, verprügelt und gedemütigt. Dies geschah mehr als 3 Jahre lang, bis ich die Diagnose „Asperger“ und damit eine Integrationskraft bekommen habe.

Die „Höhepunkte“ dieser Aktionen war eine Jagd von meiner Schwester und mir quer durch unseren Heimatort … leider hat uns damals niemand geholfen.

In der weiterführenden Schule ist es Ansichtssache. Nach der Sicht meiner Eltern war es Mobbing, was die anderen Schüler gemacht haben. In diesem Falle war es, im Gegensatz zur Grundschule, nur auf der psychischen Ebene.“

 

Melina: “Was machst du jetzt nach dem Abitur? Hast du noch Kontakt zu ehemaligen Schülern?”

Jan: „Jetzt, ein Jahr nach dem Abitur, bin ich gerade dabei, eine Ausbildung zum Rettungssanitäter beim Deutschen Roten Kreuz in Gelnhausen zu machen. Geplant ist dann im Oktober, nach Köln zu gehen und dort an der Technischen Hochschule zu studieren. Um genau zu sein möchte ich „Rettungsingenieurwesen“ studieren und dann hoffentlich meinen Traum verwirklichen, und zur Feuerwehr gehen, um mein Hobby zum Beruf zu machen.

Zu ehemaligen Mitschülern habe ich fast keinen Kontakt mehr – mit 2-3 Ausnahmen.“

 

Melina: “Gibt es noch etwas, das du loswerden möchtest?”

Jan: „Das hier richtet sich besonders an die Lehrer: Auch Menschen mit Behinderung, sei es eine körperliche, geistige oder seelische Behinderung, können viel erreichen. Man sollte sie nicht im Vorhinein eingrenzen oder sagen : „Der schafft das Abitur doch eh nicht“.

Denn seht her, ich habe es geschafft!“

 

Melina: “Vielen Dank für das Interview und deine offenen Worte!”

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