post-title Ich bin unpolitisch – Unsere Diskussion im März 2022

Ich bin unpolitisch – Unsere Diskussion im März 2022

Ich bin unpolitisch – Unsere Diskussion im März 2022

Auf dem Bild sind 2 Straßenschilder zu sehen in rot und in grün, die in die jeweils andere Richtung zeigen. Auf den den Schilder steht Choice (Englisch für wählen, sich entscheiden)

Für den Diskussions-RAUM im März hatten wir die Aussage „Ich bin unpolitisch“ als Grundlage für unseren Austausch gewählt. Wir wollten darüber diskutieren, warum manche Menschen sich als unpolitisch bezeichnen und ob es überhaupt möglich ist, als soziale Wesen unpolitisch handeln zu können. Wir wollten außerdem überlegen, was Politik genau umfasst, welche Sichtweisen es auf Politik gibt und wann politisches Handeln beginnt.

 

Politik, politisch sein – was bedeutet das eigentlich?

Zunächst versuchten wir, den Begriff der „Politik“ zu definieren. Hier ein paar Beispiele, was mit „Politik“ gemeint ist:

  • die Durchsetzung von bestimmten Zielen, besonders im staatlichen Bereich
  • das Handeln von Regierungen und von Parteien zur Gestaltung des öffentlichen Lebens
  • das Handeln von Organisationen, wenn sie Einfluss auf das öffentliche Leben nehmen
  • es geht um das Zusammenleben der Menschen in einem Staat

Das war ja noch gut nachzuvollziehen. Dann schauten wir uns an, was mit „politisch“ genau gemeint ist. Auch hier ein paar Beispiele, was „politisch“ bedeutet:

  • die Politik betreffend, also
    – politische Parteien
    – die politische Lage
    – als Politiker tätig sein
    – jemanden politisch unterstützen
    – politisch tätig sein

Gut, aber damit waren unsere Fragen noch lange nicht beantwortet.
Uns war zwar klar, dass Bürger:innen, die sich für die Gesellschaft Junge Menschen demonstrieren und halten Plakate hoch.engagieren, auch politisch handeln, zum Beispiel, wenn sie demonstrieren oder sich in einem Verein für Inklusion einsetzen.

Wir zogen noch zwei große Denker:innen zu Rate. Die Philosophin Hannah Arendt und der Soziologe Max Weber hatten unterschiedliche Sichtweisen davon, was Politik/politisch sein bedeutet. Sehr vereinfacht kann man sagen:

  • Hannah Arendt sieht den Kern von Politik in einem Prozess, in dem Menschen etwas aushandeln. Menschen sollten das politische Leben miteinander aushandeln. Das geschieht zum Beispiel in demokratischen Prozessen.
  • Max Weber definiert dagegen Politik als das Streben nach und Verteilen von Macht.

Demnach ist es von hoher Wichtigkeit, wie Regierungen, Politiker und die Gesellschaft die Politik gestalten wollen und was sie unter Politik verstehen. Die Sichtweisen haben konkrete Auswirkungen auf das Zusammenleben. Natürlich hat Politik auch bei uns etwas mit Macht zu tun. Doch durch unsere Demokratie haben wir als Bürger:innen die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen.

Jetzt wollten wir noch feststellen, warum sich manche Menschen als unpolitisch bezeichnen oder wahrnehmen und ob es möglich ist, unpolitisch zu handeln.

 

Warum halten sich Menschen für „unpolitisch“?

Um uns dieser Frage anzunähern, sprachen wir darüber, was es bedeutet, nicht wählen zu gehen.
Handelt ein Mensch politisch oder unpolitisch, wenn er oder sie nicht wählt? Ein Stimmzettel mit den Feldern für die Erst- und Zweitstimme.
Aus der Sicht einer Person, die nicht wählen geht, handelt diese vielleicht unpolitisch. Aber trotzdem hat dieses unpolitische Verhalten politische Auswirkungen. Aber nicht zu wählen, kann auch ein politischer Protest sein. Daher ist es nicht immer unpolitisch, nicht wählen zu gehen.

Und warum sagen nun manche Menschen von sich: „Ich bin unpolitisch“?

Hier einige mögliche Gründe und Vermutungen, die uns dazu eingefallen sind:

  • Solange politische Entscheidungen keinen konkreten Einfluss auf das eigene Leben haben, besteht bei manchen Menschen kein Interesse an politischen Vorgängen. Die Einstellung „Was mich nicht betrifft, interessiert mich nicht“ könnte darauf hindeuten.
  • Der eigene Einfluss auf unser gesellschaftliches Zusammenleben und auf die politischen Verhältnisse wird womöglich unterschätzt. Wir alle kennen Menschen, die äußern: „Das bringt doch nichts, wenn ich politisch bin oder wenn ich wählen gehe.“
  • Auch die Erziehung, das familiäre und soziale Umfeld könnten eine Rolle spielen. Kinder, die in einer Familie aufwachsen, in der nicht über Politik gesprochen wird, haben möglicherweise einen schwierigeren Zugang zu politischen Themen als Kinder, in deren Familien politische Bildung erfolgt.
    Auch das soziale Umfeld könnte eine Rolle spielen. Wenn sich Menschen in ihrem Umfeld nicht über politische Themen austauschen können, wird ihnen die Beschäftigung mit Politik erschwert und sie können sich entsprechend als unpolitisch wahrnehmen.
    Vielleicht gibt es auch hohe Barrieren für viele Menschen und die politischen Informationen und Mitwirkungsmöglichkeiten müssten niedrigschwelliger aufbereitet sein.
  • Auch Verhältnisse aus der schon längst überwunden geglaubten Vergangenheit könnten noch relevant sein. Beispielsweise wurde geäußert, dass ältere Frauen sich in der alltäglichen Beobachtung teilweise weniger für Politik zu interessieren scheinen als ältere Männer (dies ist nur eine Beobachtung und wird hier ausdrücklich nicht generalisiert). Das könnte damit zusammenhängen, dass Frauen in Deutschland erst seit 1918/1919 das Wahlrecht erhielten. In der Bundesrepublik durften Frauen erst ab 1958 über ein eigenes Konto verfügen und bis zu diesem Jahr konnte ein Ehemann entscheiden, ob die Ehefrau arbeiten durfte oder nicht. Noch bis 1977 durfte eine Frau nur dann berufstätig sein, wenn das mit ihren Pflichten in der Ehe und Familie vereinbar war. Diese Zeiten haben sicherlich viele Frauen stark geprägt – es ist denkbar, dass manche ältere Frauen sich dadurch nicht politisch emanzipiert haben oder dies nicht konnten, während andere Frauen ein starkes politisches Bewusstsein ausgebildet haben.

Was kann dazu führen, dass Menschen von der Politik enttäuscht sind?

Wir diskutierten auch darüber, warum manche Menschen das Vertrauen in die Politik verloren haben, von der Politik enttäuscht sind oder sich nicht (mehr) für Politik interessieren. Hier einige Gründe und Vermutungen:

  • Der Einfluss von Lobbyisten auf die Politik kann zu Misstrauen und Enttäuschung führen. Wir stellten fest, dass Lobbyismus als solcher nicht von vorneherein zu verurteilen ist. Lobbyismus ist ein wichtiger Bestandteil der Demokratie.
    Dadurch können VeEinzelne Buchstaben sind auf kleinen Holzplättchen geschrieben. Sie ergeben das Wort politics.rtreter:innen von Interessengruppen, z.B. aus der Wirtschaft, Kirchen, NGOs oder Gewerkschaften ihre Anliegen bei Politiker:innen einbringen. Das ist für politische Entscheidungsprozesse wichtig.
    Problematisch wird es, wenn Lobbyismus aber zu Bestechungen oder zu unkontrollierbarer Einflussnahme führt. Dann können Bürger:innen das Vertrauen in die Politik verlieren. Daher muss Lobbyarbeit immer transparent und nachvollziehbar für die Bürger:innen sein, was leider nicht immer der Fall ist.
  • Auch in der Kommunalpolitik können Enttäuschungen entstehen. Beispielsweise wenn Bürger:innen eingeladen werden, um über eine Skulptur auf einem öffentlichen Platz ihr Votum abzugeben. Wenn die Bürger:innen davon ausgehen, dass es sich um eine Abstimmung handelt und dann später ein städtisches Gremium entscheidet, welche Skulptur aufgestellt wird, ist das unverständlich. Auch hier ist ein transparentes und für alle verständliches Vorgehen wichtig, um Missverständnisse und Enttäuschungen zu vermeiden. Und natürlich ist es in einer Demokratie so, dass sich die eigene Vorstellung nicht immer durchsetzt.
  • Ob Bürger:innen mehr oder weniger in Entscheidungen der (Kommunal-) Politik einbezogen werden sollten, wurde kontrovers diskutiert. Hier kam der wichtige Hinweis, dass jede/r Bürger:in einen Bürgerentscheid initiieren kann.
  • Ebenfalls kontrovers diskutiert wurde die Äußerung, ob in den 80er Jahren nicht viel mehr über Politik diskutiert wurde als heute.
    Einige haben in Erinnerung, dass bei privaten Treffen, in Kneipen, in Teestuben usw. politische Diskussionen üblich waren. Andere Teillnehmer:innen glaubten, dass nicht alle Bevölkerungsgruppen früher mehr diskutierten, sondern dass dies nur in einigen Milieus so war.

Unser Fazit aus der Diskussion

Die Diskussion verlief sehr angeregt und es wurden viele Aspekte, die wir hier nicht alle wiedergeben können, eingebracht. Wir haben neue Einblicke gewonnen und waren uns über Folgendes einig:

  • Wir haben als Bürger:innen Einfluss auf unser Zusammenleben und auf die politischen Verhältnisse. Gerade in dieser Zeit sehen wir, wie wichtig es ist, sich für Politik zu interessieren und die Gesellschaft mitzugestalten.
  • Durch den Austausch mit anderen kann man politische Zusammenhänge oft besser einordnen.
  • Es lohnt sich, sich einzubringen – sei es z.B. durch die Mitarbeit in Vereinen, die für ein besseres gesellschaftliches Zusammenleben eintreten, sei es als Politiker:in oder als Bürger:in bei Demonstrationen, bei Wahlen und vielen weiteren politischen Ereignissen.
5 1 Abstimmen
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