post-title Freiwilligentag 2020: Von Hindernis zu Hindernis

Freiwilligentag 2020: Von Hindernis zu Hindernis

Freiwilligentag 2020: Von Hindernis zu Hindernis

Auf dem Leitsystem an Hanauer Omnibusbahnhof stehen Verkaufsbuden.

Die Sonne begleitet uns an diesem Samstag-Nachmittag. Unsere Mission? Hindernisse sichtbar machen, mit denen unsere Stadt Menschen im Alltag behindert.

Sensibilisierungs-Aktion zum 15. Freiwilligentag am 19.09.2020

Der Barriere-sichtbare Stadtrundgang durch die Hanauer Innenstadt startet für uns am City-Center. Unsere Gruppe ist bunt gemischt. Wir fallen auf, insbesondere durch unsere grellen Warnwesten. Geleitet werden wir von vier unserer Checker, die uns als Expert:innen durch die Stadt führen. Der Seniorenbeirat hat uns auf dieser Tour begleitet.

Das City-Center wird ab 2021 den Stadtladen mit dem Bürgerservice beherbergen. Dieser zentrale Ort sollte also barrierefrei sein. Für Rollstuhlfahrende ist das auch tatsächlich der Fall. Es gibt Rampen und der Boden ist eben. Sobald man eine Seheinschränkung hat, sieht die Sache wortwörtlich anders aus. Der gesamte Eingangsbereich ist von Pollern umgeben. Diese sind aus Stein und heben sich nicht vom Boden ab. Das stellt eine große Verletzungsgefahr dar.

Die Treppe zum Eingang hebt sich farblich ebenso wenig ab. Ein konsequentes taktiles Leitsystem ist leider nicht vorhanden. Wenn so ein großes Areal Ton in Ton gestaltet ist, erschwert es den Zugang. Menschen mit Seheinschränkung, die z.B. keinen Stock als Hilfsmittel nutzen wollen oder können, stoßen auf diese Hindernisse, verletzen sich und benötigen für alltägliche Dinge dadurch deutlich länger als es sein müsste.


Faktencheck: Was ein Taktiles Leitsystem ist, haben wir in diesem Beitrag erklärt.


Was ein weiteres großes Problem darstellt, ist der nahtlose Übergang von Fußweg und Fahrweg. Autos, die ins Parkhaus fahren wollen, kreuzen Fußgänger. Die Straße für die Autos ist nicht gesondert markiert. Eine blinde Person, aber auch alle anderen müssen an dieser Stelle hoffen, dass abbiegende Autorfahrende gut hinschauen.

Was kann man besser machen:

  • Poller mit hellen Streifen, kontrastreich markieren
  • Taktile und kontrastreich gestaltete Leitsysteme
  • Treppe mit Kontraststreifen
Ein durch uns markierter Poller hat ein gelbes Hütchen bekommen. Dadurch wird er auch für Personen mit Seheinschränkung sichtbar.

Der Kreisel des Schreckens

Weiter geht es Richtung Kurt-Blaum-Platz. Zwei der Zebrastreifen um den Kreisel herum sind mit je drei Pollern umzäunt. Auch hier fehlt eine kontrastreiche Markierung. Fahrradweg und Fußgängerweg haben zwar einen unterschiedlichen Farbton, aber diese sind nicht kontrastreich.

Schon nach diesen zwei Stationen fragen wir uns, warum gerade hier die Poller so großzügig verteilt wurden. Die Antwort kam uns sehr schnell. Es soll verhindert werden, dass Autofahrende hier parken oder durchfahren. Das ist durchaus sinnvoll, aber über die Konsequenzen für andere Verkehrsteilnehmende wurde dann offenbar nicht mehr nachgedacht.

Was kann man besser machen:

  • Poller mit hellen Streifen kontrastreich markieren
  • Fahrradweg durch hellen Streifen oder fühlbaren Steinwechsel von Fußweg trennen
Zu sehen ist eine Bodenansicht, bei der Fußgängerweg und Fahrradweg durch unterschiedliche Farben getrennt ist. Der Kontrast ist aber nicht ausreichend.

Poller ohne Markierung, die plötzlich im Weg sind, werden uns auf unserer Tour häufiger begegnen, auch an Stellen, bei denen wir uns gefragt haben, ob Poller im Angebot waren und einfach irgendwo verbaut werden mussten.

Zwischen schmalen Wegen und Schildern

Wir gehen weiter auf die gegenüberliegende Straßenseite und werden, mal wieder, durch sehr niedrige Poller aufgehalten. Versuchen wir nun an dem historischen Gebäude der Sparkasse Hanau vorbeizukommen, werden wir durch einen wilden Parker behindert. Der Gehweg ist für Rollstuhlfahrende oder Menschen, die mit Kinderwagen unterwegs sind, zu schmal. Solche Situationen führen oft dazu, dass man auf die befahrene Straße ausweichen muss. Dass plötzlich Plakatständer mitten im Weg stehen, sollte auch hinterfragt werden. Nicht optimal, da sind wir uns alle einig.

Blinde hören das Schild ja, wenn sie dagegenstoßen

Auch Sarkasmus hat uns auf unserer Tour begleitet.

Auf unserem Weg fanden wir aber auch positive Beispiele. Geht doch:

Boris und Marc-Eric finden diesen Poller mit rot-weißen Streifen gut sichtbar. Daumen hoch.

Gut, dass das Klinikum so nah ist

Am Klinikum Hanau stoßen wir gleich auf mehrere Hindernisse.

Hier unsere Vorschläge, was verbessert werden kann:

  • Poller – sollten alle durchgehend markiert sein
  • Hinweis für Blinde, dass hier ein Zebrastreifen ist
  • Zebrastreifen neu streichen
  • Boden ebnen
  • Strecke breiter gestalten
  • Behinderten-Parkplätze mit Ausstieg zum Gehweg (nicht zur Straße)
  • Mehr Möglichkeiten, die Straße zu überqueren (bisher nur Ampel Sandeldamm)

Der Weg entlang des Klinikums ist gerade für Rollstuhlfahrende wie eine Slalomfahrt und das direkt an einer vielbefahrenen Straße, bei der das Tempolimit nur eine Empfehlung zu sein scheint.

Hans-Böckler-Haus

Das Hans-Böckler-Haus hat in der Eingangs-Situation deutlich Verbesserungs-Potential. Wir haben Rampen, die man als solche nicht erkennt, direkt neben schmalen Treppenstufen, eine Mauer ohne Geländer und das alles ohne sichtbare farbliche Unterscheidungen. Wie in all unseren Beispielen zuvor, bräuchte es hier Kontraststreifen oder vergleichbare Markierungen. Das Gleiche gilt für die Fahrradständer, die neben dem Gebäude genutzt werden können – bei der Gelegenheit könnten sie auch das kaputte, radlose Fahrrad entfernen, das wohl schon länger hier rumliegt.


Faktencheck: Wenn man eine Seheinschränkung hat oder Blind ist, können an vielen Ampeln gesonderte Knöpfe unterhalb der Ampel-Drücker genutzt werden. Was dieser Knopf macht? Dadurch wird der Signalton ausgelöst, dass es auf der anderen Seite grün geworden ist. Hättet ihr es gewusst?


Congress Park Hanau und Goldschmiedehaus

Das gesamte Areal von CPH bis Goldschmiedehaus ist ein Fest an Hindernissen. Hier findet sich fast alles: Unmarkierte Poller, verengte Straßen (durch Dauerbaustellen), durchgehend Kopfsteinpflaster, keinerlei Wegeleitung, Pseudo-Zebrastreifen, Gehwege mit sehr hohem Bordstein und eine Stufe, die nach unserer Meinung weder zum Design passt, noch sinnvoll ist.

Das CPH Gelände ist für Rollstuhlfahrende schrecklich

Als wir es holpernd zum Goldschmiedehaus geschafft haben, gibt es hier zumindest einen ebenen Streifen, auf dem man gut vorankommt – zumindest auf einer Seite, die andere ist durch ein Catering-Zelt versperrt.

Aber wenn man auf die Gestaltung mit den Kopfsteinpflastern nicht verzichten möchte, ist solch ein Streifen, der gut befahrbar ist, zumindest ein Kompromiss.

Ein Tastmodell mit Humor

Wir bewegen uns vom Goldschmiedehaus in Richtung Forum und machen eine Entdeckung. In einer Vertiefung, die fast nur durch unmarkierte Treppenstufen zu erreichen ist – weil ein Auto den abgesenkten, ebenen Zugang parkend versperrt – befindet sich das Blinden-Tastmodell der Stadt Hanau. Menschen, die behindert werden, müssen manchmal wirklich viel Humor mitbringen.

Der Omnibusbahnhof und die geheime Behinderten-Toilette

Auf der Suche nach einer Toilette sind wir alle zielgerichtet an ihr vorbeigerauscht. Hier wäre eine klare Beschilderung und Markierung hilfreich. Was wir schade finden ist, dass dies die einzige Behinderten-Toilette für den gesamten Bereich des Omnibusbahnhofs ist.

Der Zugang zu den Busstegen ist bereits für Menschen ohne Einschränkungen eine Herausforderung. Sehbehinderte Menschen meiden es, ihn zu betreten. Erschwert wird der Zugang auch dadurch, dass die Leitsysteme von Taxis und zurzeit durch die Holzbuden verdeckt werden.

Positiv überrascht

Eine positive Entdeckung haben wir im Forum Hanau auf dem ehemaligen Standort des Vapiano gemacht. Hier standen die Halterungen für die Schirme heraus, die dadurch zur Stolperfalle wurden. Dies wurde an das Centermanagement gemeldet und sie haben reagiert. Zurzeit sind die Halterungen verdeckt durch Pappkartons und Filz und dienen als spontane Sitzgelegenheit. Kreativ, schnell und einfach gelöst. Toll!

Behinderten-Parkplätze werden rar

Das bewachte Fahrradparken in der Langstraße finden wir prinzipiell super. Die Stadt setzt damit ein Zeichen und ermöglicht es mehr Menschen, auf ihr Auto zu verzichten, ohne zu riskieren, dass sie regelmäßig ein neues Fahrrad kaufen müssen, weil es geklaut wurde. Was wir nicht so super finden, ist der Wegfall von drei sehr praktischen Behindertenparkplätzen. Denkt man an die Zukunft und die Pläne für die Langstraße, fallen bis 2021 dann noch weitere Behinderten-Parkplätze weg. Wir wünschen uns, dass bei der Stadtplanung Alternativen mitgedacht werden.

Ziele und Abschluss

Während wir unterwegs sind, unterhalten wir uns darüber, was unser Ziel ist. Was wäre ein gutes Ergebnis unserer Sensibilisierungs-Tour?

Uns ist es wichtig, auf diese Hindernisse aufmerksam zu machen, damit die Stadt und die Verantwortlichen wissen, dass es Handlungsbedarf gibt. Wir wären auch Bereit bei der Umsetzung zu unterstützen. Dafür braucht es aber einen offiziellen Auftrag.

Wie in allen Lebensbereichen, wird es schwierig sein alle Bedürfnisse einer Stadtgesellschaft unter einen Hut zu bekommen. Die einen wollen ebene Straßen, andere wollen möglichst viele und zentrale Parkplätze, wieder andere brauchen hohe Bordsteine oder mit Stock fühlbare Markierungen. Das ist sicher nicht leicht, das behaupten wir auch gar nicht. Aber ein Stadtbild, das wirklich barrierefrei ist, kommt allen zugute, davon sind wir überzeugt.

Auch Kunst im öffentlichen Raum, wie die Märchen-Figur am Goldschmiedehaus, kann zu einem Hindernis werden. Beim Fährmann steht das Boot sehr weit über dem Sockel.

Unser Rundgang ist für heute vorbei, auch wenn wir nicht alle Stationen geschafft haben, die uns unsere Expert:innen zeigen wollten. Sie werden vorgemerkt für die nächste Aktion. Dieser kurze Einblick hat uns allen gezeigt, dass noch viel Luft nach oben besteht für ein barrierefreies Hanau. Wir bleiben dran.

Ein besonderes Dankeschön geht zum Schluss an Jeanette, die uns für diese Aktion die gelben Hauben genäht hat und Tolga, der uns fotografisch begleitet hat.

Weitere Impressionen

 
 
 
 
 
 
 
 
 
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