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Black Lives Matter! immer und überall

Black Lives Matter! immer und überall

Auf einem Schwarzen Schild ist mit weißer Farbe eine geschlossene Faust und der Schriftzug Say their Names (sagt ihre Namen) zu sehen.

Mit dem Ausruf Black Lives Matter verbinden wir in Deutschland in jüngster Zeit die Ermordung George Floyds am 25.05.2020. Mitten in der Pandemie hatte sein Tod eine Welle der Proteste ausgelöst, die auch in Deutschland ihre Wirkung zeigte.

Doch sein Tod ist weder der erste, noch der letzte in einer Reihe von rassistischer Gewalt gegen Schwarze Menschen. Anti-Schwarzer-Rassismus und Polizeigewalt sind auch keine Phänomene oder Probleme, die es nur in den USA gäbe. Die unaufgeklärten Morde an Christy Schwundeck oder Oury Jalloh sind nur zwei Beispiele eines strukturellen Problems, das noch viel zu selten in den öffentlichen Debatten stattfindet.

Für das Thema Black Lives Matter! Immer und überall haben wir für unsere Was NUN?-Reihe Siraad Wiedenroth, Geschäftsführerin der Initiative Schwarzer Menschen Deutschland e. V. (ISD e. V.) eingeladen. Sie kommt aus Hessen und ist Teil der jüngeren Schwarzen Bewegung in Deutschland. Mit ihrer Arbeit will die ISD den strukturellen und institutionellen Rassismus sichtbar machen. Sie ist deutschlandweit aktiv und leistet in erster Linie Community-Arbeit sowie Aufklärungs- und Bildungsarbeit. Im Rhein-Main-Gebiet gibt es die ISD bereits seit 1985. Mehr über die ISD und ihre Arbeit erfahrt ihr hier.

Eine Schwarze Frau mit Megaphon läuft mit anderen Protestierenden die Straße entlang.

Anti-Rassismus-Bewegungen und der Kampf um Sichtbarkeit und gegen Diskriminierung haben nicht erst 2020 begonnen. Auch wenn es in den 80ern noch nicht die Begriffe gab, die wir heute verwenden, war der Widerstand gegen Rassismus bereits da, wenn auch nicht in den Medien oder in der breiten gesellschaftlichen Wahrnehmung sichtbar.

Beim Thema Sichtbarkeit war es Siraad direkt zu Beginn des Gesprächs wichtig, dass auch die Morde an Breonna Taylor oder Tony McDate in Erinnerung bleiben. Da insbesondere die Gewalt an mehrfach-marginalisierten Menschen oft unsichtbar bleibt.

Intersektionalität

Was in der Rassismus-Debatte oft unterschätzt wird, sind die Erfahrungen, die gemacht werden, wenn Menschen von Mehrfachdiskriminierungen betroffen sind. Wer Schwarz, FLINTA* (= Frauen, lesbische Personen, intergeschlechtliche Personen, Non-Binäre Personen, Transpersonen, Agender Personen), arm, queer und mit Behinderung ist, erlebt eine Verkettung von Diskriminierungen, die sich gegenseitig verstärken. Ebenso dürfen Diskriminierungen innerhalb von diskriminierten Gruppen nicht ausgeblendet werden.

Wer von Rassismus betroffen ist, kann trotzdem sexistisch, ableistisch (diskriminierend gegen Menschen mit Behinderung) oder gar rassistisch gegenüber anderen Mitmenschen sein. Sich eigene Räume des Austauschens zu schaffen als auch Gehör zu bekommen, wenn es um die eigene Existenz geht ist als Person, die Erfahrungen mit Mehrfachdiskriminierungen macht, zusätzlich erschwert.

Auswirkungen von Rassismus

Schwarze Bewegungen, in denen Rechte nach Gleichbehandlung und Teilhabe eingefordert wurden, gibt es in Deutschland schon seit der Kolonialzeit. Das Narrativ, dass Schwarze Menschen erst nach dem Zweiten Weltkrieg nach Deutschland kamen, ist falsch. Schwarze Menschen leben täglich mit dem Phänomen Übersichtbar zu sein und gleichzeitig in der gesellschaftlichen Wahrnehmung (auch in der historischen) unsichtbar gemacht zu werden. Siraad beschreibt die Lebensrealität Schwarzer Menschen in Deutschland als ständigen Überlebenskampf. Das ständige Einfordern der eigenen Existenzberechtigung, Racial Profiling, Diskriminierung in Schule, Beruf und allen anderen Lebensbereichen sind in der Summe alles Dinge, die Energie und andere Ressourcen einfordern. Anti-Schwarzer Rassismus betrifft außerdem alle Schwarzen Menschen in Deutschland, auch diejenigen mit deutschem Pass.

Warum lohnt sich der Kampf?

Für Siraad gibt es viele Punkte, die sie in ihrer Arbeit anspornen. Momente, in denen sie mit anderen Schwarzen Menschen zusammen ist (wie auf den Bundestreffen), das Teilen von Freude, aber auch Wut usw. sind dabei sehr empowernd (stärkend). Sie gibt zu, dass sich in Deutschland in den letzten drei Jahrzehnten zu wenig und zu langsam etwas verändert hat. Aber für jede:n Einzelne:n, die durch ihre Arbeit neue Perspektiven und Chancen erhalten hat, lohnt es sich.

Die Arbeit von Aktivist:innen kann dabei sehr unterschiedlich aussehen. Die ISD organisiert z. B. Demonstrationen, Kundgebungen, Info-Veranstaltungen uvm. Gerade bei jüngeren Aktivist:innen ist auch dadurch ein neues Selbstbewusstsein entstanden. Sie haben nun die Möglichkeit die Themen auch anders anzugehen. Durch Vereine wie die ISD, ADEFRA oder Eoto ist die Reichweite und Sichtbarkeit heute eine ganz andere. Die Kombination dieser Arbeiten, geben ein anderes Verständnis und zeigen die Vielfalt, die diese Arbeit ausmacht.

Diese Grundlagenarbeit hat die Debatte öffentlicher gemacht und den Weg für Veränderungen geebnet. Die Arbeit geht aber an die Substanz, wie Siraad und einige der Teilnehmenden der Runde berichten. Daher ist gerade bei aktivistischer Arbeit Self-Care ganz wichtig.  

Was nicht ungesagt bleiben darf ist, dass diese Vereinigungen und Initiativen oft von Frauen und weiblich gelesenen Personen begründet und nachhaltig unterstützt bzw. getragen werden. Das mag mit der Rollenzuschreibung der Care-Arbeit (Sich-Kümmern) zusammenhängen, ist aber ein wichtiger Bestandteil. Oft passiert es, dass solche Aufgaben bei weiblich gelesenen Personen für selbstverständlich genommen werden, weshalb die Anerkennung dafür oft unter den Tisch fällt. So entsteht auch innerhalb marginalisierter Gruppen eine Ungleichheit.

Der Mythos von der Chancengleichheit

Laut Grundgesetz darf niemand diskriminiert werden und alle haben die gleichen Chancen. BIPoC (Schwarze, Indigene, People of Color) wird von der Politik gerne vermittelt, wer sich integriert, sei vollwertiges Mitglied der Gesellschaft.

Aber wie sieht die Realität aus? Es gibt Studien und Berichte, die über Diskriminierungs-Erfahrungen verschiedener Gruppen informieren. Es kann also bereits im Kindergarten oder in der Schule zu Benachteiligungen führen, wenn die Kinder Schwarz sind oder einen Namen haben, der nicht als deutsch gelesen wird. Diese Bewertungssysteme haben nichts mit Leistung oder Verhalten zu tun und Kinder können sich noch so sehr anstrengen und gute Noten haben. Diese Zuschreibungen finden meist unbewusst statt und sind angelernte Stereotype und Erwartungen, die eine Ungleichheit bestärken und künstlich fortsetzen.

Diskriminierungsformen können nicht im Einzelnen aufgehoben werden, da sie in unseren grundlegenden Strukturen verankert sind. Die ISD und andere Vereine sorgen daher für ein Netzwerk, um diese Strukturen sichtbar zu machen, zur problematisieren und Veränderungen herbeizuführen, aber auch um Austauschmöglichkeiten unter Betroffenen zu schaffen und eine Organisierung zu ermöglichen.

Wir sehen mehrere Schüler:innen auf dem Boden in Rückenansicht. Sie sind in einem Klassenraum.

Forderungen an die politischen Entscheider:innen

Für Siraad sollte die Basis deutscher Politik das Schaffen eines menschenwürdigen Lebens für alle sein und zwar ohne Bedingungen daran zu knüpfen.

So wie viele politische Mandatsträger:innen aktuell sprechen, handeln und entscheiden, verhalten sie sich in vielen Bereichen menschenfeindlich. Als Beispiele nennt Siraad die Ablehnung zur Abschaffung des sogenannten „Transsexuellengesetzes“, das trans* Menschen stark benachteiligt sowie die Hinnahme tausender Toter an den EU-Außengrenzen.

Ich habe viele Forderungen, aber wenig Hoffnung

Planmäßiges Vorgehen gegen Rassismus (z. B. durch eine Rassismus-Studie in deutschen Behörden) dürfen nicht länger blockiert werden. Es braucht mehr Aufklärung und eine Überarbeitung des Unterrichtsmaterials. Denn bereits die Bilder, die in der Schule reproduziert werden, beeinflussen, wie über Afrika als Kontinent und über Schwarze Menschen und ihre Geschichte gesprochen wird.

Aufarbeitung der Kolonialzeit

Deutschland ist in der Aufarbeitung seiner Kolonial-Zeit im Vergleich zu anderen Ländern noch sehr rückständig. Dies zeigt sich unter anderen im Umgang mit rassistischen Fremdbezeichnungen oder darin, wie im Schulkontext über Kolonialismus gesprochen wird ­– falls dieser überhaupt thematisiert wird.

Viele Bilder, die während der Kolonialzeit entstanden sind, existieren bis heute. Das Narrativ des „unmündigen, unzivilisierten“ Schwarzen Menschen, der erst durch die weißen Europäer:innen „gerettet“ wird, taucht in unterschiedlichen Formen immer wieder auf. Ein Beispiel auf das in der Runde eingegangen wird, sind beispielsweise Artefakte, Knochen oder andere Körperteile von Menschen, die in deutschen Naturkunde-Museen noch immer ausgestellt oder gelagert werden. Diese werden von den Ursprungsländern oder von Nachfahren der Betroffenen schon lange zurückgefordert (z. B. von den Herero und Nama). Eine Rückgabe wird oft verweigert oder hinausgezögert.

Behörden und Schulen müssen für solche Themen sensibilisiert und weitergebildet werden. In unserer Runde waren auch Teilnehmer:innen dabei, die erst vor kurzem Abitur gemacht haben. Sie berichten, dass gerade dem Thema Kolonial-Zeit kaum Raum gegeben wird und es oft sogar vorkommt, dass es mit Referaten abgehandelt wird.

Um Strukturen und Systeme verändern zu können, reicht es nicht einzelne Symptome zu bekämpfen, aber mit Bildern und Sprache kann man anfangen, ein Bewusstsein zu schaffen und alte Stereotype und Vorurteile zu dekonstruieren.

Zwei Frauen sind im Anschnitt sehen. Sie halten ihre Hände und zeigen damit ein Zeichen von Zusammenhalt.

Solidarität und Vernetzung

Das Privileg, sich nicht mit Rassismus auseinandersetzen zu müssen, haben Schwarze Menschen oder Menschen die migrantisch gelesen werden nicht. Die Kraft, sich tagtäglich zur Wehr zu setzen, ist nicht immer gegeben, denn Rassismus-Erfahrungen kommen zusätzlich zu anderen Herausforderungen des Alltags. Solidarität, gerade von Menschen, die nicht selbst betroffen sind, ist daher ungemein wichtig. Was im Bewusstsein noch stärker verankert werden sollte ist, dass marginalisierte Personen niemals im MUSS sind, zu handeln oder sich zu positionieren – Betroffen zu sein, ist oft anstrengend genug.

Als nicht betroffener Ally (Verbündete:r) können eigene Privilegien genutzt werden, um auf Ungleichheiten aufmerksam zu machen und Schutzräume zu schaffen. Allies können bestehende Vereine und Initiativen in ihrer Arbeit unterstützen und ihnen Sichtbarkeit geben. Es ist für Betroffene wichtig zu sehen, dass sie nicht alleine sind und ihre Themen gehört werden.

Wir kämpfen gemeinsam gegen ein menschenverachtendes System. Es ist wichtig, die einzelnen Diskriminierungsformen, z.B. Anti-Schwarzen Rassismus, Sexismus etc. zu sehen, zu benennen und zu verändern. Diese müssen dabei immer in Verbindung miteinander gesehen werden, weil sie verwoben sind. Es gibt keine nachhaltige Verbesserung für alle, solange auch nur eine Unterdrückungsform weiterbesteht. Wir brauchen mehr Austausch miteinander, um Schnittstellen der Unterdrückung gemeinsam anzugehen.

Was brauchen Schwarze Communities

Nachhaltige Strategien und Konzepte können nur erarbeitet werden, wenn der Alltag, das alltägliche Leben von Schwarzen Menschen aufgrund der Rassismus-Erfahrungen nicht die gesamte Energie aufbraucht. Um dieses „Rauschen“ von Rassismus leiser werden zu lassen, sind eigene Räume, gerade für die Schwarzen Communities sehr bereichernd, berichtet Siraad. Gerade diese werden aber oft als „Abkapselung“ interpretiert. Dass Räume und Events, zu denen die weiße Mehrheitsgesellschaft keinen Zugang hat oder auf denen der Fokus auf Themen der Schwarzen Communties liegen weniger Anerkannt werden, zeigt sich auch am Zugang zu öffentlichen Geldern. Eine Förderung ist an die Bedingung geknüpft, dass es einen Output für die „Mehrheit“ gibt. So entsteht also auch hier eine Ungleichheit, da es wieder an den subjektiven Entscheidungen von Behörden liegt, was Förderung verdient und was nicht.

Wenn ihr Initiativen wie die ISD oder andere Vereine unterstützen möchtet, dann folgt ihnen auf ihren Social-Media-Kanälen und haltet Ausschau nach Events, die ihr Teilen könnt, Spenden-Aktionen, die ihr unterstützen könnt uvm.


Wenn du dich auch für die anderen Themen aus unserer Was-NUN?-Reihe oder generell von „Menschen in Hanau“ e.V. interessierst, dann schau doch in unserem Veranstaltungs-Kalender vorbei.

 

LINKS UND WEITERFÜHRENDE LITERATUR:

www.isd-online

https://instagram.com/blmdresden?utm_medium=copy_link

Buch: Euer Schweigen schützt euch nicht, Audre Lorde und die Schwarze Frauenbewegung, Peggy Piesche

Buch: Farbe bekennen

Das Afrika-Bild in deutschsprachigen Medien: https://www.youtube.com/watch?v=EKduFaKTeOw

Africa Positive: https://www.youtube.com/channel/UCJw1Ka9BYYFcg7ICbqMt-hg/videos

Auf rassistische Sprüche reagieren

Weitere Artikel aus der Was-NUN-Reihe:

Hanau war kein Einzelfall

Erinnern erkämpfen

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