post-title Der Alltag mit einer Sehbehinderung und Herausforderung der Elektromobilität

Der Alltag mit einer Sehbehinderung und Herausforderung der Elektromobilität

Der Alltag mit einer Sehbehinderung und Herausforderung der Elektromobilität

Silvia Schäfer vom TIBS vor ihrem Bildschirm. Man sieht groß geschrieben ihren Namen auf diesem.

Nachfolgend freuen wir uns sehr ein Interview mit Silvia Schäfer veröffentlichen zu dürfen, welches Sie mit Sabine Schuchardt von Kinzigtal Nachrichten geführt hat. Das Interview erschien am 30.04.2019.

Silvia Schäfer vom Blinden- und Sehbehindertenbund erklärt, wie der Alltag ohne Augenlicht bewältigt wird und welche Gefahren von Elektroautos ausgehen. Wie kommen blinde Menschen im Alltag zurecht?

Wie es ist, mit Menschen zu reden, die unbemerkt den Raum verlassen haben und wie man die Wohnung putzen kann, ohne den Schmutz zu sehen, berichtet Silvia Schäfer (58). Sie ist Ansprechpartnerin bei der Bezirksgruppe Hanau des Blinden- und Sehbehindertenbundes in Hessen.

Wer Sie in vertrauter Umgebung erlebt, hat nicht den Eindruck, dass Sie nicht sehen können. Wie lange brauchen Sie, um sich in einer neuen Umgebung gut zurecht finden?

Das kann man so nicht pauschal beantworten, denn es hängt von vielen Faktoren ab. In einer fremden Wohnung geht es relativ schnell. Ich versuche mir ein Bild des aktuellen Zimmers zu machen, in dem ich mich befinde und lasse mir erklären beziehungsweise zeigen, wo zum Beispiel die Toilette oder die Ausgangstür ist. Ein- bis zweimal zeigen reicht eigentlich aus, damit ich mich selbstständig dort bewegen kann. Anders sieht es im Freien aus.

Als ich vor acht Jahren nach Hanau zog, zeigten mir Freunde zunächst die für mich wichtigen Wege rund um meine Wohnung, den Weg zu meinem Büro, zur nächsten Bushaltestelle, zur Stadtmitte und den wichtigsten Geschäften.

Worauf müssen Sie besonders achten?

Hier kommt es darauf an, zu lernen, wo man eine Straße am besten überquert. Wo ist ein Zebrastreifen, wo eine Ampel? Ich habe mir bei der ersten Begehung die Straßennamen eingeprägt und immer wieder nach prägnanten Punkten gesucht, an denen ich mich orientieren konnte. Nach und nach wurde der Kreis erweitert, und ich bekam ein Bild im Kopf, wo sich was befindet. Noch heute kenne ich lange nicht alles in Hanau, sondern nur solche Geschäfte, Ärzte, Wohnungen von Freunden und ähnliches, die ich schon einmal besucht habe. Hilfreich war dabei auch das Ertasten eines taktilen Stadtplanes von Hanau, mit dessen Hilfe ich erkennen konnte, wie die Straßen zueinander liegen und verlaufen.

Sie sind durch eine besondere Augenerkrankung sozusagen „schleichend“ blind geworden – wann stand fest, dass Sie irgendwann so gut wie nichts mehr sehen können würden?

Im Alter von zehn Jahren wurde bei mir eine Juvenile Macula-Degeneration diagnostiziert. Dabei war die Prognose, dass ich niemals weniger als zehn Prozent sehen würde. Viele Jahre später erkannte man, dass sich aus der ursprünglichen Erkrankung eine sogenannte Zapfen-Stäbchen-Dystrophie (ZSD) entwickelt hatte. Das war 2004 und es wurde mir bewusst, dass ich eines Tages vielleicht überhaupt nichts mehr sehen kann.

Wie sind Sie damals mit dieser Diagnose umgegangen?

Ich bin über so viele Jahre in die Erblindung hineingewachsen, dass es für mich kein Schock war, dass die Verschlechterung doch weiter fortschreiten würde, als ursprünglich prophezeit. Der Verlauf ist bei jedem Patienten unterschiedlich, und es steht nicht unbedingt fest, dass man letztlich vollständig erblindet. Natürlich hoffte ich, zu der Gruppe zu gehören, die doch einen gewissen Sehrest behält. Heute kann ich kaum noch ein Prozent sehen. Ich kann hell und dunkel unterscheiden und alles nur schemenhaft wahrnehmen. Dennoch halte ich daran mit aller Kraft fest und hoffe immer noch sehr, dass mir dieser Rest erhalten bleibt.

Wie muss man es sich vorstellen, blind zu sein? Man denkt oft, dass vor den Augen eine Schwärze herrscht?

Das kann man so allgemein nicht sagen, denn es ist bei jedem Menschen anders. Jedenfalls ist es nicht so, dass der blinde Mensch alles schwarz sieht. Schwarz ist eine Farbe und das kann ein Vollblinder gar nicht erkennen. Was hat man vor Augen? Das ist schwer zu erklären. Es ist einfach nichts und das hat keine Farbe. Eine an Diabetischer Netzhauterkrankung erblindete junge Frau sagte mir einmal, es sehe eher grau aus, vergleichbar mit einem wegen Störung ausgefallenen Fernsehbildes.

Gesetzlich blind ist man bei einem Sehvermögen von zwei Prozent. Das heißt, dass viele noch einen klitzekleinen Sehrest haben, der sich je nach Augenerkrankung völlig unterschiedlich zeigt. Das kann ein sehr vernebeltes Bild sein, man kann Gesichtsfeldausfälle an verschiedenen Stellen haben, aber auch scharf begrenzt nur in der sogenannte Macula (Fleck des schärfsten Sehens) oder auch im äußeren Bereich der Netzhaut. Manche können nur Hell und Dunkel unterscheiden oder nehmen nur Bewegungen war. All diese Menschen sind zwar blind, aber bei allen sieht das anders aus.

Wie wichtig ist es für blinde Menschen, in ihrer Wohnung Ordnung zu halten?

Das ist sehr wichtig, denn man kann nur dann gezielt nach Dingen greifen, wenn sie immer am gleichen Platz stehen und nicht zu viel Durcheinander herrscht. Stellt man sich selbst mal etwas in den Weg – mit dem Gedanken, es gleich wegzuräumen, fällt man garantiert wenige Minuten später darüber.

Wie finden Sie Dinge wieder, die Sie verlegt haben?

Wenn ich etwas suche, überlege ich, wo ich es jetzt hinlegen würde, wenn ich es wegräumen sollte. Oft finde ich es genau an diesem Platz wieder. Dieser Trick gilt aber nicht nur für Blinde, sondern hilft jedem anderen auch. Schwieriger ist es, wenn etwas auf den Boden fällt und irgendwohin kullert. Dann bleibt mir nichts anderes übrig, als auf alle Viere zu gehen und den Boden systematisch abzusuchen.

Was sind ihre besten Alltagshelfer, ohne die Sie nicht zurecht kommen?

Oh, da gibt es viele nützliche Hilfsmittel, wie zum Beispiel sprechende Uhren, Waagen und Thermometer. Außerdem nutze ich ständig einen Braille-Organizer, in dem ich meine Termine und Kontakte verwalte, aber auch alles aufschreiben und wieder nachlesen kann. Es gibt Farberkennungsgeräte, Barcode-Leser und elektronische Lese- beziehungsweise Vorlesesysteme. All diese Helferlein erleichtern einem doch den Alltag.

Wie hilfreich sind diese kleinen gewölbten Braille-Zeichen, die man zum Beispiel auf Medikamentenschachteln findet?

Die kleinen Braille-Zeichen, wie Sie sie nennen, sind äußerst hilfreich und nicht nur auf Medikamentenschachteln. Es gibt viele andere Stellen im öffentlichen Raum, die mit Brailleschrift gekennzeichnet sind. So findet man diese zum Beispiel in Aufzügen, an Zimmertüren in Hotels oder Behörden, am Treppengeländer zu Gleisen in Bahnhöfen und vielem mehr. Aber auch zuhause ist die Brailleschrift wichtig, denn man kann sich selbst alles notieren oder bestimmte Dinge in der Küche, wie zum Beispiel Gewürzgläschen, kennzeichnen. Auch bei der Arbeit am Computer ist es für mich unerlässlich, all das, was mir mein Sprachprogramm vorliest, auch auf der sogenannten Braillezeile mit den Fingern lesen zu können.

Wie finden Sie sich beim Einkaufen im Supermarkt zurecht?

Bis vor kurzem ging ich noch alleine in den Supermarkt, bevorzugte dabei aber eher die kleineren, weil man da in der eingeschränkten Auswahl einen besseren Überblick hat. Dabei konnte ich nur das kaufen, was ich kannte, während neue Lebensmittel für mich nicht zu erkennen waren. Manchmal musste ich natürlich andere Kunden oder Personal des Supermarktes fragen, wenn ich etwas nicht finden konnte. Heute kann ich nicht mehr alleine einkaufen gehen, da ich Angst habe, mit dem Einkaufswagen irgendwo anzurempeln. Entweder nehme ich mir eine Begleitperson mit oder bestelle meine Lebensmittel online über eine App im Smartphone.

Könnten Supermärkte besser für Blinde organisiert werden?

Schön wäre, wenn es einen Begleitservice durch das Personal gäbe. So könnte man schnell die Dinge finden, die man braucht und würde sogar auf Angebote oder Neuigkeiten aufmerksam gemacht.

Wie organisieren Sie überhaupt den Alltag, etwa den Hausputz?

Man kann auch putzen, saugen und spülen, ohne den Schmutz zu sehen. Oft kann man ihn fühlen, aber das ist natürlich nicht ganz zuverlässig. Sauge ich systematisch meinen Teppich ab, kann es trotzdem vorkommen, dass Flusen, die sich im Flor versteckt haben, nicht aufgesaugt werden. Schmutz, der sich außerhalb meiner Reichweite ablegt, bleibt mir verborgen. So habe ich es für mich geregelt, dass ich zwar meine Wohnung selbst pflege und auch meine Wäsche bügele, aber trotzdem jede zweite Woche eine Putzhilfe kommt, die dann alles in Ordnung bringt, was ich selbst nicht erledigen konnte.

Wie wählen Sie Ihre Kleidung aus?

Beim Einkaufen nehme ich eine Person meines Vertrauens mit oder lasse mich auch mal von der Verkäuferin beraten. Die sind meist sehr engagiert und beschreiben mir Form und Farbe der Kleidungsstücke. Ob ich mich letztlich darin wohlfühle, entscheide ich selbst. Ich kann meine Blusen, Hosen und Shirts anhand ihrer Form erkennen und weiß dann in der Regel, welche Farbe sie haben. Wenn nicht, nutze ich ein Farberkennungsgerät, das mir die Farbe ansagt.

Wie genau das die wirkliche Farbe trifft, weiß ich nicht. Auch bin ich manchmal unsicher, was zusammen passt.

Auch hier frage ich dann eben bei anderen nach. Ganz ohne Hilfe von außen klappt das auch hier nicht.

Wo bekommen Sie ihren Lesestoff, etwa Romane und Sachbücher her?

Das ist einfach zu beantworten. Ich bekomme meine Bücher auf CD von einer Blindenhörbücherei, wobei es sich hier nicht um die bekannten Audio-Bücher handelt, die man in jedem Buchladen kaufen kann. Die CDs der Hörbüchereien sind ungekürzt aufgelesene Werke und können mit einem speziellen Format bis zu 40 Stunden auf einer einzigen CD enthalten. Außerdem kann ich über mein Smartphone sowohl Kindl- als auch Audible- Bücher hören. Selbstverständlich gibt es auch eine große Auswahl an Literatur in Brailleschrift.

Die Wohnung zu verlassen, um spazieren zu gehen oder um einzukaufen – kostet Sie das Überwindung?

Nein, eigentlich nicht, ich kenne mich hier gut aus. Vor vielen Jahren habe ich ein sogenanntes Orientierungs- und Mobilitäts-Training gemacht und gelernt, mich mit dem weißen Blindenlangstock auch in unbekannten Gegenden zu bewegen. Die Techniken kenne ich, aber ich gebe zu, dass es mir in fremden Städten oder unbekannten Bahnhöfen doch manchmal etwas mulmig ist.

Wagen Sie draußen auch Ihnen unbekannte Strecken?

Ja, schon. Manchmal ist es unumgänglich, da ich beruflich öfter mal in einer fremden Stadt zu tun habe.

Welche Hilfsmöglichkeiten gibt es da für Sie? Nicht jede Stadt hat gut ausgerüstete Ampelanlagen.

Eine Ampelanlage, die nicht mit einem akustischen Signal ausgestattet ist, ist mir persönlich noch lieber, als ein Straßenübergang ohne Ampel oder Zebrastreifen. Bei einer Ampel sind meist auch andere Fußgänger, die man fragen kann oder man beobachtet die Kreuzung für einige Minuten und findet dann heraus, wie der Verkehrsfluss abläuft und wann der Fußgänger gehen kann. Dies ist aber zeitaufwendig und nicht überall durchzuführen.

Ansonsten gibt es auch Orientierungshilfe über bestimmte Apps im Smartphone. Der geübte Nutzer kann sich über eine Navigations-App von A nach B führen lassen oder sich mit Orientierungs-Apps ansagen lassen, was sich an interessanten Punkten um einen herum befindet. Dabei braucht man aber trotzdem seine erworbenen Kenntnisse aus dem Orientierungs- und Mobilitäts-Training und muss auf jeden Fall den Blindenstock einsetzen, denn das GPS-Signal ist niemals so gut, dass man sich absolut darauf verlassen darf.

Sollte man als unbeteiligter Passant einem Menschen, der mit Blindenstock unterwegs ist, Hilfe anbieten, oder sollte man lieber abwarten, ob derjenige darum bittet?

Oja, auf jeden Fall darf man Hilfe anbieten, wenn man sieht, dass der Blinde diese gerade brauchen könnte. Mir ist es gerade passiert, dass ich im Bahnhof an Gleis 1 stand, wo die Einfahrt meines Zuges schon angekündigt war. Dann kam die Ansage „Zug XY fährt heute ausnahmsweise an Gleis 8“. Ein Aufstöhnen unter allen Fahrgästen und kollektives Losrennen begann. Ich war mittendrin und lief, so schnell ich eben konnte, aber die meisten rannten an mir vorbei. Wie froh und dankbar war ich, als ein Herr mich ansprach und fragte, ob ich an seinem Arm gehen wollte. Das war eine Riesen-Hilfe und wir erreichten unseren Zug doch noch rechtzeitig. Auch an Bushaltestellen oder im Bahnhof ist es wirklich hilfreich, wenn jemand einfach sagt, welche Linie gerade einfährt. Sicher kann man auch selbst fragen, aber manchmal weiß man gar nicht, ob und vor allem wo jemand in der Nähe steht.

Manche sehenden Mitmenschen meinen es aber zu gut und bieten Hilfe an, wo es gar nicht notwendig ist. Dann sage ich einfach ganz freundlich „Nein danke, es ist nett gemeint, aber ich komme gut zurecht.“ Das sollte den Hilfsbereiten aber nicht entmutigen – der nächste Blinde braucht vielleicht genau die Hilfe. Wichtig ist nur, dass man den Blinden anspricht und nicht gleich am Arm oder – noch schlimmer –am Langstock packt und irgendwo hinschiebt.

Gibt es Dinge, die sehende Menschen den nicht sehenden Menschen lieber nicht sagen sollten?

Da fällt mir gerade nichts ein. Eher im Gegenteil – es ist sehr wichtig, dass man uns darauf hinweist, wenn wir zum Beispiel noch Zahnpasta am Mund hängen haben oder ein Fleck auf einem Kleidungsstück ist. Es wäre sicher falsche Scheu, wenn man dies nicht ansprechen würde, was zur Folge hätte, dass es für den Betroffenen immer peinlicher wird, wenn er weiterhin mit einem Fleck auf der Hose unterwegs ist. Man muss einen solchen Hinweis ja nicht unbedingt durch die Gegend posaunen, sondern kann dies diskret tun. Jeder Blinde wird dafür dankbar sein.

Wie machen Sie sich, ohne Blickkontakt haben zu können, ein Bild von neuen Menschen, die Ihnen begegnen?

Ganz wichtig ist die Stimme und die Art des Auftretens einer Person. Schon beim ersten Zusammentreffen weiß ich schnell, ob mir jemand sympathisch ist oder nicht. Bei Sehenden entscheidet hier oft der erste optische Eindruck, bei Blinden ist es eben der akustische.

In Filmen sieht man oft Blinde, die mit ihren Händen die Gesichter anderer Menschen abtasten. Ist das tatsächlich eine Hilfe, um sich vom Gegenüber ein Bild zu machen, ohne ihn zu sehen?

Nein, für mich sicher nicht! Ich kenne auch wirklich keinen Blinden, der das tut. Es ist so unwichtig, wie eine Person aussieht – da gibt es viel wichtigere Werte.

Was nervt oder verletzt Sie am meisten, wenn es um das Sehen/Nichtsehen geht?

Da muss ich richtig überlegen. Nerven oder verletzen würde ich es gar nicht nennen, aber worüber ich sehr traurig bin, ist die Tatsache, dass ich nie in meinem Leben Blickkontakt mit jemand anderem aufnehmen konnte. Das Problem erlebte ich zum ersten Mal in meiner Teenager-Zeit. Ich konnte nicht einfach netten Jungs zulächeln oder auf deren Blicke reagieren. Das erschwerte enorm die Kontaktaufnahme. Das tut es auch heute noch in allen möglichen Situationen.

Sitze ich mit mehreren Leuten an einem Tisch und möchte einem anderen etwas erzählen, kann ich nicht feststellen, ob er gerade dazu bereit ist, mir zuzuhören. Ist er im Gespräch mit jemand anderem, hört er irgendwo anders zu? Der Sehende erkennt, wann der andere bereit ist. Oder umgekehrt – jemand spricht mich an, ohne vorher meinen Namen zu nennen und ich gebe keine Antwort, da ich mich gar nicht angesprochen fühle. Oder mein Nachbar ist eigentlich gemeint, aber ich gebe Antwort. Das ist alles nicht schön. Auch denke ich, dass man in der Mimik eines Menschen sehr viel ablesen kann. Sei es, wie es ihm gerade geht oder wie er auf eine bestimmte Aussage reagiert, ohne es auszusprechen. Das fehlt mir schon sehr.

Würden Sie sagen, dass Sie mit der Zeit gelernt haben, mehr mit den Händen und Fingern zu „sehen“, indem Sie Dinge begreifen?

Ja, auf jeden Fall. Irgendwann habe ich nicht mehr versucht, krampfhaft alles zu erkennen, sondern habe mich mehr auf mein Gefühl in den Fingern und je nach Situation auch mehr auf mein Gehör verlassen.

Was sind die größten Probleme, mit denen blinde Menschen zu kämpfen haben?

Es gibt sehr viele Hilfsmittel für blinde Menschen, mit denen man etliches selbstständig erledigen kann, auch wenn es oft mit viel Mühe, Geduld und Umständen verbunden ist. Deshalb möchte ich hier nicht sagen, dass die größten Probleme im Bewältigen unseres Haushaltes liegen oder dass es die Tatsache ist, dass wir nicht Autofahren können. Größere Probleme bereitet die oft nicht vorhandene Barrierefreiheit im öffentlichen Raum und im Internet.

Barrierefreiheit heißt nicht nur, dass es möglichst keine Treppen, Schranken oder Drehtüren geben soll, nein, das geht noch viel weiter. Für Blinde heißt Barrierefreiheit zum Beispiel, dass es ein gutes Leitsystem mit Rillen- und Noppenplatten an Bahnhöfen, Bushaltestellen oder Straßenquerungen geben sollte. Außerdem brauchen wir akustische Fahrgast-Infos an Haltestellen sowie Durchsagen in Bus, Bahn und an den Gleisen im Bahnhof. Wir brauchen sprechende Aufzüge und taktile Beschriftungen an den Tasten oder an Zimmertüren in Ämtern und Behörden. Und – ganz wichtig – wir brauchen ein barrierefreies Internet mit Webseiten, die ein Sprachprogramm gut auslesen kann.

Warum das?

Viele Seiten enthalten dynamischen Text, Grafiken und Tabellen, die in keiner Form beschriftet sind. Damit werden blinde Nutzer von Informationen ausgeschlossen. Ein weiteres großes Problem ist die zunehmende Elektro-Mobilität. Was für die Umwelt gut ist, wird gefährlich für die Fußgänger und zwar nicht nur für Blinde und Sehbehinderte, sondern auch für Senioren, Kinder und eigentlich jeden Verkehrsteilnehmer, der zu Fuß oder auf dem Fahrrad unterwegs ist, denn ein Elektro-Auto oder -Bus wird nicht gehört.

Was kann man da tun?

Die Blindenverbände kämpfen seit vielen Jahren dafür, dass Elektro-Fahrzeuge mit einem künstlichen Geräusch, dem sogenannten AVAS ausgestattet werden müssen. Wir hatten auch Erfolg, aber noch ist es leider für den Fahrer möglich, dass er das AVAS ausschaltet, um wieder geräuschlos unterwegs zu sein.

Ein drittes großes Problem sind die zunehmend eingesetzten Touchscreens. Zwar ist es beim iPhone, dank eines ausgeklügelten Programms namens „Voice Over“ möglich, das Gerät per Sprachausgabe zu bedienen, aber dies ist nicht möglich bei Bankautomaten, Selbstbedienungsterminals bei der Stadt und so weiter. Im Moment verbreiten sich die Touchscreens bei den Geräten, die beim Bezahlen mit der EC-Karte eingesetzt werden. Wie soll ein Blinder seine PIN eingeben, wenn er keine fühlbaren Tasten mehr hat? Soll er dem Kellner im Restaurant oder der Kassiererin im Supermarkt seine PIN zuflüstern? Das ist ein gewaltiger Rückschritt für unsere Selbstständigkeit und wieder eine Barriere, die nicht sein müsste.

Bei Ihrer Tätigkeit im Blinden- und Sehbehindertenbund haben Sie auch mit Menschen zu tun, die plötzlich erblindet sind. Wie fassen diese Menschen wieder neuen Lebensmut?

Neubetroffenen Augen-Patienten Wege zu zeigen, wie es auch trotz Sehbehinderung weitergeht, ist eine der Aufgaben des Blinden- und Sehbehindertenbundes. Wir versuchen, im Rahmen der Blickpunkt-Auge-Beratung, aber auch als Bezirksgruppe Hanau, die Menschen zu informieren und mit Gleich-Betroffenen zusammenzubringen. Bei unterschiedlichen Treffen, wie Kaffeenachmittagen, Stammtischen, Ausflügen, Festen oder Hilfsmittelausstellungen lernen Betroffene von Betroffenen und fassen neuen Mut. Sie erfahren, dass man trotz Einschränkung nicht sein ganzes Leben verändern und auf vieles verzichten muss, sondern dass es viele Wege gibt, seinen bisherigen Hobbys trotzdem nachgehen zu können oder aber auch die berufliche Tätigkeit weiterhin auszuüben.

Die Möglichkeiten für blinde Menschen, am gesellschaftlichen Leben auch ohne Sehkraft teilzunehmen, sind vielfältig. Ist das eine der wichtigen Aufgaben des Blinden- und Sehbehindertenbundes, das deutlich zu machen?

Ja, das ist eine unserer wichtigsten Aufgaben. Aber es gibt noch weitere Bereiche, in denen wir tätig sind und zwar vor allem bei der politischen Arbeit. Wir stehen in ständigem Kontakt mit den örtlichen, aber auch den landesweiten Politikern, um ihnen klarzumachen, welche Bedürfnisse blinde und sehbehinderte Menschen haben. Da geht es um die Gestaltung einer barrierefreien Umwelt, Kostenübernahme von Hilfsmitteln, aber auch um finanzielle Nachteilsausgleiche. Das Motto des Hessischen Blinden- und Sehbehindertenbundes lautet „Wir wollen gesehen werden“ – und genau dafür müssen wir sorgen.

Welche Hilfestellungen könnten Sehende den Nichtsehenden geben? Ich denke da bei Gesprächen an ein Kopfnicken, das der andere ja nicht wahrnehmen kann.

Ja, das stimmt. Viele nicken oder schütteln den Kopf und wundern sich, wenn keine Reaktion kommt. Man sollte uns gegenüber schon lieber den Mund aufmachen. Nett wäre es auch, wenn jemand, mit dem man kurz vorher gesprochen hat, Bescheid sagt, wenn er den Tisch oder eine Gruppe verlässt. Oft merken wir das nicht und reden einfach weiter. Das ist sehr unangenehm. Wir brauchen treffende Beschreibungen, wenn wir zum Beispiel nach dem Weg fragen. Wenn eine Antwort kommt wie „Da vorne“ und der Gefragte in eine bestimmte Richtung zeigt, nützt uns das nicht. Auch die Aussage „Da, wo gerade das blaue Auto abbiegt“ funktioniert nicht. Besser wäre es, die Richtung des Gehweges anders zu benennen. „Gehen Sie circa 50 Meter in Richtung 1 Uhr und biegen Sie dann nach rechts ab.“ Auch kann man den Blinden fragen, ob man seinen Arm nehmen und in die richtige Richtung zeigen darf.

Was gibt es noch?

Viele Blinde wollen nicht ungefragt am Arm gepackt werden. Oft geschieht das, wenn gutmeinende Mitmenschen einem beim Ein- oder Aussteigen in Bus und Bahn helfen wollen. Ich persönlich finde das gar nicht schlimm, aber es gibt andere, die reagieren wirklich sauer. Besser wäre, vorher zu fragen, ob der Blinde Hilfe braucht.

 

Was sind Ihre persönlichen Freuden des Alltags?

Ich glaube, die unterscheiden sich überhaupt nicht von den Freuden anderer Menschen. Ich gehe gerne zur Arbeit, treffe mich in der Freizeit mit Freunden, gehe zum Sport und mache Reisen verschiedenster Art. Außerdem bin ich ehrenamtlich tätig und kenne keine Langeweile. Was braucht man mehr?

 

Stichwort Elektromobilität

Beim Thema Elektromobilität macht der Blinden- und Sehbehindertenbund seit langem darauf aufmerksam, wie wichtig es im Straßenverkehr ist, gehört und gesehen zu werden. Elektroautos würden zwar die Luft in den Städten nicht mehr durch Abgase verpesten und deutlich den Straßenlärm reduzieren. Genau das sei aber für Blinde und Sehbehinderte Menschen ein großes Problem, da diese sich mit Hilfe ihres Gehörs orientieren, erklärt Silvia Schäfer vom Blinden- und Sehbehindertenbund, Bezirksgruppe Hanau.

„Jahrzehnte haben wir uns an die charakteristischen Geräusche von Verbrennungsmotoren gewöhnt. Unser Gehör teilt uns mit, wie weit ein Fahrzeug noch entfernt ist und wie schnell es sich nähert. Durch an- und absteigende Tonhöhe können wir sogar ausmachen, ob ein Fahrer aufs Gas oder auf die Bremse tritt. Elektromotoren produzieren in ihrem Betrieb kaum Geräusche, und wenn, dann ein hochfrequentes, unangenehmes Heulen. Insbesondere bei geringem Tempo ist das ein Problem“, erklärt Schäfer. Es gebe Studien, die belegen würden, dass Fußgänger wesentlich häufiger in einen Unfall mit einem Hybrid- oder Elektrofahrzeug geraten würden als mit einem klassischen Verbrenner.

Die Lösung bestehe in einem akustischen Alarmsystem (AVAS). Dieses erzeuge künstliche Geräusche, so dass Elektrofahrzeuge als solche im Verkehr gehört werden. „Es muss sichergestellt werden, dass wir allein vom Geräusch ableiten können, ob ein Fahrzeug steht oder fährt, ob es sich vorwärts oder rückwärts bewegt, mit welcher Geschwindigkeit es auf uns zukommt und ob es gerade bremst oder beschleunigt“, so Silvia Schäfer. Ein künstliches Geräusch müsse insbesondere bei niedrigen Geschwindigkeiten greifen.

Ab Juli 2019 müssten neue elektrische und hybride Fahrzeugtypen der Automobilhersteller mit einem AVAS-System ausgerüstet werden. Modelle allerdings, die vor Juli 2019 auf den Markt kommen, dürften auch weiterhin ohne AVAS in den Handel. „Erst ab Juli 2021 benötigen auch die neuen Fahrzeuge dieser älteren Baulinien ein solches System“, sagt Silvia Schäfer. / sab

 

Die Bezirksgruppe Hanau des Blinden- und Sehbehindertenbundes in Hessen ist Anlaufstelle für Sehbehinderte und Blinde im Main-Kinzig-Kreis und Hanau. Wer sein Augenlicht verliert oder verloren hat, wird dort umfassend beraten. Ziel ist es, den Betroffenen Mut zu machen, den ungewohnten Alltag neu zu meistern. Informiert wird zu Behörden, Hilfsmitteln und Literaturbeschaffung. Die Bezirksgruppe arbeitet mit der Technischen Informations- und Beratungsstelle für Blinde und Sehbehinderte (TIBS) zusammen.
Telefon: 06181 – 95 66 63, E-Mail: info@tibsev.de, Webseite: www.tibsev.de

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